Hiobsbotschaften für die Lohnverhandler

28. Oktober 2014, 12:41
185 Postings

Beschäftigungsabbau und schlechte Auftragslage: Österreichs Industrie schlägt Alarm - und erhöht den Druck auf die Lohnverhandler

Wien - Die Industriellenvereinigung (IV) überschlägt sich - gerade rechtzeitig zur vierten Lohnrunde der Maschinen- und Metallwarenindustrie am Dienstagnachmittag - mit negativen Superlativen: "Rückfall in die Stagnation", "Frühjahrserholung endet in Herbstdepression" und "Abbau von Beschäftigung unvermeidlich", waren einige Schlagworte, die das IV-Konjunkturbarometer illustrieren.

Der auf Umfragen unter ihren Mitgliedern basierende IV-Konjunkturtest zeigt tatsächlich so schlechte Werte wie seit Jahren nicht: Geschäftslage, Auftragsbestand und Aussicht für das nächste Halbjahr zeigen zum Teil steil nach unten. Nun werde Jobabbau unvermeidlich, das Thema "wird uns über den Winter begleiten, warnte IV-Volkswirt Christian Helmenstein in einer Pressekonferenz. Um Produktionsstandorte in Österreich halten zu können, sei nominell pro Jahr ein Produktivitätsfortschritt von vier bis sechs Prozent notwendig, was angesichts stagnierenden Auftragseingangs und "trister Produktionstätigkeit" illusorisch sei, weil auch noch die Preise fallen. "Wir müssen mit einer negativen Preisentwicklung rechnen", sagt Helmenstein, was den Ertragsdruck enorm verstärke. Die Investitionsneigung sei angesichts globaler Unsicherheiten und Widrigkeiten wie Ukraine-Krise, Russland-Sanktionen, Ebola-Ausbreitung, Argentinien-Pleite und des "phlegmatischen Zustands" der brasilianischen Wirtschaft gering. Den Rest besorge die Abschwächung der Konjunktur in China, das absehbar die Rolle der globalen Konjunkturlokomotive nicht mehr werde spielen können.

Anstieg der Arbeitslosigkeit befürchtet

Die Folge: Arbeitslosigkeit werde nicht nur in der Industrie um sich greifen, sondern auch im Dienstleistungssektor, sekundierte IV-Generalsekretär Christoph Neumayer. Die IV geht nach Analyse des dritten Quartals, die mit den Erwartungen für die nächsten sechs Monate gekreuzt wurde, davon aus, dass das Wachstum heuer in Österreich nur 0,75 Prozent betragen werde. Die aktuelle Geschäftslage wird von den Unternehmern um vier Punkte schlechter beurteilt - so schlecht wie zuletzt vor 18 Quartalen. Beim Ausblick sieht es nach freiem Fall aus: Pessimismus nimmt überhand.

Die einzigen Lichtblicke: Der Auftragsstand stabilisierte sich nach zwei Quartalen und der schwache Euro (minus zehn Prozent seit März), erhöht die preisliche Wettbewerbsfähigkeit.

Die Conclusio der IV: Da Exportmärkte wie Russland und generell die Bric-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) brauche es dringend "eine Steuerstrukturreform, die den Namen verdient; eine reine Lohnsteuersenkung wird nicht reichen - es geht auch um Unfall- und Krankenversicherung und den Familienlastenausgleichsfonds", wiederholte Neumayer die Forderung nach Entlastung des "Faktors Arbeit" bei den sogenannten Lohnnebenkosten.

Harte Verhandlungen

Womit endgültig die Herbstlohnrunde erreicht war, die seit fünf Wochen gestaffelt nach Branchen (Maschinenbau, Kfz-Zulieferer, Gießereien, Bergbau/Stahl, Gas/Wärmeversorger, Nicht-Eisen-Metaller) für insgesamt rund 180.000 Metallarbeiter und Industrieangestellte in Gang ist. Bei den Maschinenbauern rauchten am Dienstag die Köpfe, die Zeichen standen am späten Nachmittag auf Arbeitskampf. Arbeitgeber und -nehmer trennte insbesondere die für Lohnerhöhungen maßgebliche Inflationsrate. Die Industrie will den EU-Durchschnittswert für Oktober (0,5 Prozent), die Gewerkschaften die für die Benya-Formel relevante Inlands-Teuerung von September 2013 bis September 2014. Eine konkrete Forderung in Prozenten - FPÖ-Seniorensprecher Werner Neubauer sprach via Aussendung von 3,4 Prozent - lag bis zum späten Nachmittag nicht vor.

Neumayer: "Diese KV-Verhandlungen finden nicht im luftleeren Raum statt, sondern in besonders exportorientierten Branchen." Daher sei "ein gemeinsamer Blick" auf die Branche nötig. Lohnstückkosten würden zwecks Vergleichbarkeit um Wechselkurse bereinigt, daher sei das bei der Inflation auch legitim. "Beide Seiten sind sich ihrer Verantwortung bewusst", appellierte der IV-General für einen maßvollen Abschluss. (ung, DER STANDARD, 29.10.2014)

  • In der globalen Wirtschaft hängt alles zusammen: Sinkt die Nachfrage, tröpfeln Aufträge nur spärlich ein, was Auslastung und Produktivität unter Druck bringt. Verfallen Verkaufspreise, steigt der Ertragsdruck.
    foto: joerg sarbach

    In der globalen Wirtschaft hängt alles zusammen: Sinkt die Nachfrage, tröpfeln Aufträge nur spärlich ein, was Auslastung und Produktivität unter Druck bringt. Verfallen Verkaufspreise, steigt der Ertragsdruck.

Share if you care.