Viennale-Blog: Ohren zu!

Blog28. Oktober 2014, 09:00
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Ein Nachdenken über die Urteilsfindung und die möglichen durchaus störenden Nebengeräusche

Letzte Reihe im großen Saal, die Musik wird lauter, die Leinwand schwarz. Der Name der Regisseurin hat noch nicht wieder aufgeleuchtet, da hebt das Pärchen rechts zu räsonieren an. "Hm", sagt der Mann, "ein schöner Film, aber doch auch sehr verzeichnend." - "Ja", die Frau, "ist halt was zum Träumen. Dem Schluss fehlt die Pointe. Aber die Szene, wo sie vom Hoteldach springt, die war nicht schlecht. Ich dachte: Jetzt ist es aus - und auf einmal kann sie fliegen!" (...)

Ohren zu. Wozu jetzt ein Urteil? Die Geschichte hat’s mir angetan. Während die weißen Namen nach oben gleiten, spüre ich der zögernden Rhythmik des Films nach. Dann ziehen die Scharen vorüber, ich schnüre die Schuhe und wandle zwischen den murmelnden Gestalten aus dem Kino. Auf dem Fahrrad wie in Trance; eine Gefahr für den Straßenverkehr! Was hat mich da angerührt? Ach, still! Bleib im Film! Und staunend bewege ich mich durch die Stadt, abhebend fast selber.

Bewusstseinsschärfung

Der Film schenkt dir eine Ordnung, einen Möglichkeitsraum, in dem sich Bedeutung wandeln, neuer Sinn auftun kann. Um aber die Eintrittspunkte zu finden, die in solch andere Räume des Denkens, Schauens und Fühlens führen, muss man oft und oft aus ihnen schon herausgetreten sein. Denn erst im Versuch, die Ordnung eines Films begrifflich auszuloten, stellt sich auch ein Bewusstsein für jene Schwellen ein, die einem beim nächsten vielleicht den Übertritt erleichtern.

Zwischen Immanenz und Reflexion

Dieses sonderbare Verhältnis zwischen Immanenz und Reflexion, wo jeweils eines dem anderen vorausgeht, spielt auch in unsere Funktion als Jurorinnen hinein. Wenn wir einen Film diskutieren, so begreife ich das als eine Übung im Gewahren jener Bewusstseinsschwellen. Was ich aber verorten möchte, darin muss ich mich zuerst eine Weile bewegt haben. - Daher Ohren zu, wenn die Leute reden, noch ehe der Film überhaupt zu Ende ist! (Franz Schörkhuber, derStandard.at, 28.10.2014)

Franz Schörkhuber studierte Philosophie und Publizistik in Wien.

  • Notizen zum Erinnern.
    foto: franz schörkhuber

    Notizen zum Erinnern.

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