Der Vogelmann muss Federn lassen

27. Oktober 2014, 18:10
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Alejandro González Iñárritu ist mit "Birdman" eine fulminante Komödie geglückt

Der Hollywoodstar Riggan Thomson (den der Hollywoodstar Michael Keaton verkörpert) hat es mit seiner Darstellung des Superhelden Birdman (nicht Batman) zu Berühmtheit gebracht. Inzwischen ist dieser Ruhm etwas verblasst, Thomson versucht ein Comeback, und zwar mit der Theaterinszenierung eines Stücks nach Erzählungen von Raymond Carver, das Thomson selbst erarbeitet hat und in dem er auch auf der Bühne stehen wird.

Birdman (or The Unexpected Virtue of Ignorance), eine gefinkelte Backstagekomödie, steigt in jener Phase ins Geschehen ein, in der schon die ersten Vorpremieren mit Publikum anstehen und bei allen Beteiligten Hochspannung herrscht. Sehr dynamisch und konzentriert wird zunächst einmal das zentrale Figurenensemble um Thomson eingeführt - Naomi Watts, Edward Norton, Emma Stone, Amy Ryan, u. a. standen dafür vor der Kamera.

Es gibt Rivalitäten, Vorgeschichten, psychische und physische Probleme. Und übers Zwischenmenschliche hinaus wird in den schmalen Gängen, in Garderoben und auf der Bühne des altehrwürdigen St. James Theatres am Broadway natürlich auch fortwährend ein Konkurrenzkampf zwischen Showbiz und ernsthafter Kunst, zwischen West- und Ostküste, gemeinen Superheldendarstellern und echten Schauspielern ausgetragen.

Iñárritus Neuerfindung

Bei den Filmfestspielen von Venedig war Birdman von Alejandro González Iñárritu heuer der äußerst seltene Fall eines Eröffnungsfilms, der nicht nur den Anforderungen der Vermarktung (Stars, Stars, Stars) genügt, sondern tatsächlich bei Kritikern und Publikum für echte Begeisterung sorgte. Im Unterschied zu den von konstruierten Zufällen und übergroßen melodramatischen Gesten geprägten früheren Filmen des Mexikaners (21 Gramm; Babel u. a.) entpuppte sich Birdman als eine Arbeit, bei der die Konstruktion zwar (technisch) extrem ausgeklügelt ist, dabei aber nie zum Selbstzweck gerät:

Die Geschmeidigkeit des Erzählfortgangs ist neben den pointiert geschriebenen Dialogen, dem hochmotivierten Ensemble und dem treibenden Percussionscore von Antonio Sanchez vor allem diesem Konzept und dessen Umsetzung durch den Kameravirtuosen Emmanuel Lubezki zu verdanken: Jeder Akt der Geschichte wird in einer einzigen langen Aufnahme erzählt, die noch dazu so nahtlos und geschmeidig in die nächste überführt wird, dass (fast) der ganze Film wie eine ununterbrochene Bewegung wirkt.

Die Architektur des Theatergebäudes kommt einerseits dieser Kameraarbeit entgegen. Andererseits liefert sie auch den Aufhänger für jene großartige Slapstickszene, in der sich Riggan Thomson während der Aufführung versehentlich aus dem Theater aussperrt und sich in Socken und Bademantel, vorbei an Schaulustigen mit Handycams, seinen Weg zurück auf die Bühne bahnen muss. Was für ein Theater - und echt großes Kino. (Isabella Reicher, DER STANDARD, 28.10.2014)

29. 10., Gartenbau, 18.00; 4. 11., 23.00

  • Kontrahenten: Michael Keaton (li.) und Edward Norton.
    foto: viennale

    Kontrahenten: Michael Keaton (li.) und Edward Norton.


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