Vergessen ist keine Lösung

27. Oktober 2014, 17:47
posten

Gelungene szenische Aufstellung von Robert Schindels Roman "Der Kalte" im Salon 5 m Wiener Nestroyhof

Wien – Es gibt viele Indizien, die darauf hinweisen, dass die Wiener eine sehr enge Beziehung zum Vergessen pflegen. "Glücklich ist, wer vergisst", heißt es in der Fledermaus; und das Todesverliebte, das der Hauptsstadt so gerne nachgesagt wird, meint eben auch: das allumfassende Vergessen lieben.

Um bequemes Vergessen und nötiges Erinnern dreht sich momentan alles im Salon 5 im Theater Nestroyhof Hamakom: "Die Politik des Vergessens" heißt das Programm, in dessen Rahmen auch eine "szenisch-literarische Aufstellung" von Robert Schindels Roman Der Kalte stattfindet. Schindels Text spielt in den 1980er-Jahren und erzählt, fiktionalisiert aber unschwer zu erkennen, von den Waldheim-Jahren.

Vor der Premiere im Nestroyhof wurde nun ein Denkmal wiederenthüllt: das „Waldheim-Holzpferd“, das damals eine wichtige Rolle im Protest gegen Kurt Waldheim spielte. Es bleibt auf der Bühne und bildet den Hintergrund für die Gespräche und Begegnungen, die sich in der Kaffeehaus-Szenerie davor entspinnen.

Die Familienaufstellung

An den zahlreichen Tischen sitzen zu Beginn jeweils mit seinem Textbuch allein an einem Tisch: Ingrid Lang, Ernst Mathon, Dominik Raneburger, Horst Schily, Martin Schwanda und Doina Weber. Anna Maria Krassnigg, gemeinsam mit Karl Baratta auch für Dramaturgie und Texteinrichtung verantwortlich, ist als Erzählerin ebenfalls auf der Bühne. Die Schauspielerinnen und Schauspieler wechseln nun in den verschiedenen Szenen nicht nur ihre Plätze, als befände man sich in einer Familienaufstellung; sie wechseln auch ihre Rollen.

Horst Schily etwa spielt nicht nur den Auschwitzüberlebenden Edmund Fraul, sondern auch den Bundespräsidenten Dr. Wais. Jeder müsse sich fragen, was er getan hätte, wenn ihn die Geschichte an einen anderen Platz gestellt hätte, hat Robert Schindel einmal über seinen Roman gesagt; diese szenische Aufstellung findet die richtigen Bilder dafür.

Manchmal ergänzt sie den Text um augenzwinkernde kleine Details, aber sie lacht das darin enthaltene Grauen niemals klein. Es ist kein Abend zum Wohlfühlen. Aber es ist ein gelungener und absolut sehenswerter, der die richtigen Fragen stellt. Sollte man gesehen haben. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 28.10.2014)

Termine: 30., 31.10., 1., 2.11., 20.00

  • Toller Abend, aber nicht unbedingt einer zum Wohlfühlen: In Robert Schindels szenisch umgesteztem Roman "Der Kalte" geht es um die hitzigen 1980er Jahre.
    foto: christian mair

    Toller Abend, aber nicht unbedingt einer zum Wohlfühlen: In Robert Schindels szenisch umgesteztem Roman "Der Kalte" geht es um die hitzigen 1980er Jahre.

Share if you care.