Gewalttätige Zwischenfälle in Ostjerusalem häufen sich

27. Oktober 2014, 17:38
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Beinahe täglich kommt es in arabischen Vierteln zu Zusammenstößen

Eine "dritte Intifada", also ein weiterer, breit angelegter Aufstand der Palästinenser gegen Israel, gilt nach wie vor als unwahrscheinlich - aber ein chronisch gewordenes Brodeln in Ostjerusalem erzeugt Zwischenfälle mit gefährlichem Zündstoff. Fast täglich kommt es in arabischen Vierteln wie Silwan, Beit Hanina oder Abu Tor zu Zusammenstößen zwischen Palästinensern, die Steine und Brandbomben werfen, und Polizisten in Kampfmontur.

Zu einem "weichen" Ziel für regelmäßige Angriffe ist dabei Israels einzige Straßenbahn geworden. Sie durchquert die Hauptstadt von Südwest nach Nordost und ist eine Art Sinnbild für ein "vereintes Jerusalem", wie die Palästinenser es nicht hinnehmen wollen. Immer wieder gibt es durch Steinwürfe und Brandlegung Sachschaden an Waggons und Haltestellen. Vorigen Mittwoch fuhr ein junger Palästinenser offenbar vorsätzlich sein Auto in die Menschenmenge bei einer Haltestelle und tötete ein drei Monate altes Kind. Eine der Verletzten, eine junge Frau aus Ecuador, ist am Sonntag verstorben.

Weitere Reibereien erzeugt jetzt das Tauziehen um das Begräbnis des Attentäters, der von der Polizei am Tatort erschossen worden war. Um einen Massenaufmarsch zu verhindern, ordnete ein Gericht an, er müsse spätnachts an einer entlegenen Stelle und im Beisein von bloß 20 Angehörigen begraben werden. Unter diesen Auflagen wollte die Familie das Begräbnis nicht durchführen.

Der Beginn dieser langen "Runde" von Unruhen reicht schon Monate zurück. Im Juni hatte die Suche nach drei entführten israelischen Jugendlichen, die dann erschossen aufgefunden wurden, zu Konfrontationen im Westjordanland geführt. Zusätzliche Erhitzung löste ein grausamer Rachemord aus, den drei junge Juden in Jerusalem an einem 16-jährigen Palästinenser verübten. Die Krawalle und Zusammenstöße in Ostjerusalem und im Westjordanland rissen seither nicht ab, wurden aber im Juli und August durch den 50-tägigen Gazakrieg verdeckt.

Alarmglocken schrillen

Weil einige Tel Aviver Schulen die Lage offenbar für so unangenehm halten, dass sie Schulausflüge in die Hauptstadt abgesagt haben, schrillten jetzt die Alarmglocken. Die Stadtverwaltung von Tel Aviv versicherte, es gebe keine derartige Anweisung und sie empfehle Schulen Besuche in der Hauptstadt. Die Polizei hatte zuvor eine "Null-Toleranz-Politik" gegen Gewalttäter angekündigt.

Zugleich hat Premier Benjamin Netanjahu die Planung von rund 1000 Wohnungen in zwei Vierteln bewilligt, die aus israelischer Sicht Teile der Stadt, aus palästinensischer Sicht Siedlungen sind. Der rechtsgerichtete Wohnbauminister Uri Ariel wiederum will gerade jetzt im aufgeheizten arabischen Bezirk Silwan privat eine Mietwohnung beziehen, weil es "natürlich einem Juden erlaubt ist, an jedem Platz in Jerusalem zu leben, auch wenn er Minister ist". Die liberale Justizministerin Zipi Livni sprach von einer "Provokation, die ihm einige Stimmen von der Rechten einbringen soll, aber das ist sehr explosiv und sehr verantwortungslos". (Ben Segenreich, DER STANDARD, 28.10.2014)

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