Britischer Abzug: "Hätten viel mehr erreichen können" 

27. Oktober 2014, 17:31
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Der als Friedensmission verkaufte Einsatz hat dem Land hunderte Tote beschert. Die Armee nagt am zerstörten Selbstbewusstsein

Bei den Abschiedsreden kam kein einziger Brite zu Wort. So schleppend erklang die britische Nationalhymne, dass God save the Queen Ähnlichkeit mit einem Trauermarsch zu haben schien. Dann senkte sich zum letzten Mal der Union Jack über Camp Bastion, dem Heereslager in der afghanischen Provinz Helmand. Der britische Kampfeinsatz am Hindukusch ist nach 13 Jahren, 453 Toten und vielen Tausend teilweise Schwerverwundeten zu Ende. Man sei stolz auf das Erreichte, sagte Verteidigungsminister Michael Fallon: "Wir haben Afghanistan die bestmögliche Chance einer stabilen Zukunft gegeben."

Der konservative Minister verwies auf die Errungenschaften der von der Nato geführten Isaf-Schutztruppe. Etwa sechs Millionen Kinder und Jugendliche könnten Schulen besuchen, die Hälfte davon Mädchen. In Helmand verfügten die Menschen über Gesundheitsversorgung und Bildungschancen, "die vor zehn Jahren schlicht nicht existierten".

Die positive Einschätzung teilt nur eine Minderheit. Dreizehn Jahre nach dem Sturz der Taliban, acht Jahre nach dem Einmarsch in Helmand beurteilen 68 Prozent der Briten in einer BBC-Umfrage den Feldzug als "nicht lohnenswert". Immerhin 42 Prozent sehen ihr Land als weniger sicher an.

Es war Labour-Premier Tony Blair, der nach den Massenmorden vom 11. September 2001 den Schulterschluss mit den USA probte. Dazu gehörte der Sturz der Taliban in Afghanistan, später kam der Einmarsch im Irak hinzu. Den Krieg gegen den Bagdader Diktator Saddam Hussein beurteilen viele britische Offiziere längst als strategischen Fehler. Vor allem aber ließen die angloamerikanischen Streitkräfte Afghanistan zu lang aus den Augen.

Blutige Friedensmission

Als die Briten 2006 nach Helmand beordert wurden, sprach der damalige Verteidigungsminister John Reid von einer "Friedensmission". In Wahrheit gerieten die britischen Löwen in eine Hochburg der Taliban, die sich längst neu formiert hatten. "Wir verbrachten die ganze Zeit nur damit, am Leben zu bleiben", berichtet Hugo Farmer vom Fallschirmjäger-Regiment 3 Para. Von den eigentlichen Aufgaben - Terrorbekämpfung, Wiederaufbau - war bald kaum noch die Rede.

Der Kriegseinsatz in Helmand, wohin die Armee zuletzt mehr als 9000 Soldaten verlegte, sei schlecht vorbereitet gewesen, kritisiert der renommierte Thinktank Royal United Services Institute (Rusi). Die Armeeführung habe der zum Kampfeinsatz entschlossenen politischen Führung nach dem Mund geredet, die Soldaten seien ohne ausreichende Planung ins Gefecht geschickt worden. Erst nachdem die Opferzahlen in die Höhe schnellten, erhielten die Einheiten vor Ort Schutzwesten, gepanzerte Fahrzeuge sowie ausreichend Unterstützung durch Hubschrauber. Allein 2009 kamen 108 Briten ums Leben.

Zerfallserscheinungen

Die Kosten seit 2006 beziffert der Anwalt und frühere britische Aufklärungsoffizier Frank Ledwidge auf 43 Milliarden Euro. Wegen der in der Südprovinz herrschenden Zustände hätten "viele unserer besten Offiziere die Armee verlassen". Zu ihnen gehört Generalmajor Andrew Mackay, der 2007 die Truppen in Afghanistan befehligte: "Wir hätten viel mehr erreichen können."

Camp Bastion wurde mit 35 Quadratkilometern die weltweit größte britisch-amerikanische Militärbasis. Das einstige Lager für 28.000 Soldaten ist jetzt auf einen Bruchteil reduziert. So ähnlich ist es dem Selbstbewusstsein der britischen Armee ergangen. Der frühere CIA-Analyst Bruce Riedel hat jetzt der BBC gesagt, man habe in Helmand "das Ende Großbritanniens als ernst zu nehmende Militärmacht" erlebt. (Sebastian Borger, DER STANDARD, 28.10.2014)

  • Abschied nach schwieriger Mission: Mit einer letzten Zeremonie beendeten  die britischen Truppen ihr umstrittenes Engagement in der afghanischen  Südprovinz Helmand.
    foto: ap photo/british defence imagery, sergeant obi igbo, rlc

    Abschied nach schwieriger Mission: Mit einer letzten Zeremonie beendeten die britischen Truppen ihr umstrittenes Engagement in der afghanischen Südprovinz Helmand.

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