Präsidentenwahl in Brasilien: Runter von der Überholspur

Kommentar27. Oktober 2014, 17:20
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Das Wichtigste ist nun, das tiefgespaltene Land zu einen und wieder aufzurichten

Wenig ist übrig geblieben - eigentlich fast gar nichts mehr - vom Elan, der Brasilien im vergangenen Jahrzehnt so geprägt hat. Das Land war auf der Überholspur, doch nun stottert der Motor, die Wachstumszahlen sinken, die Inflation zieht an. Gegen den Widerstand der Wirtschaftselite, die sich längst auf die Seite des Konservativen Aécio Neves geschlagen hatte, konnte sich aber Dilma Rousseff eine zweite Amtszeit sichern.

Ihren knappen - und wohl auch bitter schmeckenden - Sieg hat die Nachfolgerin und Vertraute des heute oftmals verklärten Luiz Inácio Lula da Silva zu großen Teilen den Menschen im Norden zu verdanken. Dort, wo Armut und Existenznot an der Tagesordnung sind, verschreckten Neves' Visionen zahlreiche Wähler. Auch wenn Rousseff noch am Wahlabend gelobte, in ihrer zweiten Amtszeit eine noch bessere Präsidentin sein zu wollen: Es könnte zu spät sein. Die brasilianische Börse reagiert mit hohen Verlusten, schreiben Anleger doch längst der Regierung die Verantwortung für Konjunkturflaute und Rezessionsgefahr zu.

Das Wichtigste ist nun, das tiefgespaltene Land zu einen und Brasilien wieder aufzurichten. Und dazu muss auch gehören, dass Rousseff erkennt und offen eingesteht, dass die Krise in einer der größten Volkswirtschaften der Welt nicht nur der internationalen Krise geschuldet ist, sondern auch der nach wie vor mangelnden Infrastruktur im Land sowie einer oftmals allzu dirigistischen Regierungspolitik. (Gianluca Wallisch, DER STANDARD, 28.10.2014)

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