Das Licht malen, das die Menschen ausstrahlen

27. Oktober 2014, 17:02
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Die Londoner Courtauld-Galerie präsentiert eine gelungene Zusammenstellung von Aktzeichnungen des österreichischen Malers Egon Schiele. Die Ausstellung nennt sich "Radical Nudes"

Seit der Eröffnung ihrer jüngsten Ausstellung kann sich die Londoner Courtauld-Galerie vor Besuchern kaum retten. Die beiden Säle sind vollgestopft mit Kunstliebhabern. Man verzeichne "besonders starken Andrang", freut sich Kurator Barnaby Wright, der sich bestätigt sieht: Es scheint Nachholbedarf zu geben auf der Insel in der Auseinandersetzung mit einem der wichtigsten Künstler der Wiener Avantgarde: Egon Schiele (1890–1918).

Die Courtauld mit ihrer weltberühmten Gemäldesammlung von der Renaissance bis ins 20. Jahrhundert hat zuletzt immer wieder Platz gemacht für kleine, fokussierte Ausstellungen von Zeichnungen. Michelangelo und Albrecht Dürer waren bereits zu sehen, für 2015 ist eine Schau mit Francisco Goyas Werken geplant.

Zwischen solch großen Namen nun also Schiele, ein von den Briten Vernachlässigter. Kein Einziges seiner Werke hängt in einem öffentlich zugänglichen Museum, die letzte Ausstellung "Schiele und seine Zeitgenossen" ist 25 Jahre her. Dabei schwärmen Kunstfreunde auch in London vom meisterhaften Zeichenstrich des jungen Österreichers, von der Radikalität seiner Sicht auf den Menschen, nicht zuletzt auf den menschlichen Körper.

"Eine gähnende Lücke" konstatierte Wright und entschloss sich zur Fokussierung auf Schieles Aktzeichnungen. Mit dieser Idee fuhr der Kurator als Erstes nach Wien, um dort mit den Verantwortlichen des Museums Leopold, allen voran mit Elisabeth Leopold selbst, zu sprechen. Diese hätten sich als "unglaublich hilfreich" erwiesen, schwärmt der Londoner Kurator. Tatsächlich sind 14 der insgesamt 38 Blätter Leopold-Leihgaben, darunter einige der radikalsten Darstellungen, an denen sich die Londoner Kunstliebhaber erfreuen können. Museen in Nürnberg, München und New York stellten ihre Schiele-Schätze ebenso zur Verfügung wie eine Reihe privater Sammler.

"Radical Nudes" heißt die Schau. "Ich male das Licht, das alle Körper ausstrahlen", wird der 21-Jährige zitiert. Schiele reißt den Akt aus dem erotischen oder pornografischen Zusammenhang, zeigt Körper in grotesken Verrenkungen, kniend, sitzend, wie ans Kreuz genagelt in der Andeutung einer Jesus-Pose. Wenn Licht und Farbgebung zu Zweifeln an
der "Echtheit" der Darstellung aufkommen lassen, sorgen reichhaltig dargestellte
(Scham-)Haare für Gewissheit: ein echter Körper.

Die Ausstellung setzt ein mit Schieles "Durchbruch" von 1910. Befreit von der Bürde der abgebrochenen Ausbildung an der Kunstakademie, belastet vom Bedürfnis, sich rasch einen Namen in der Kunstwelt zu machen, produziert der 20-Jährige ein provokantes Meisterwerk nach dem anderen.

Spätestens bei Kriegsausbruch 1914 sei Schiele "vollständig in Kontrolle seiner Zeichenkunst" gewesen, erläutert Wright: "Ich spüre da eine Veränderung." Bis zuletzt beeindrucke der Künstler durch seine experimentelle Herangehensweise. Schieles früher Tod 1918 beraubte ihn der Möglichkeit, den rohen Emotionen der Adoleszenz eine gereiftere Weltsicht hinzuzufügen. "Radical Nudes" zeugt vom bis heute fortwirkenden Einfluss des Österreichers auf die Wahrnehmung des menschlichen Körpers. (Sebastian Borger, DER STANDARD, 28.10.2014)

  • In London zu sehen: Egon Schieles 1914 entstandene Mischtechnik-Zeichnung "Bildnis einer kauernden Frau".
    foto: leopold museum / thumberger

    In London zu sehen: Egon Schieles 1914 entstandene Mischtechnik-Zeichnung "Bildnis einer kauernden Frau".

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