Serben in der FPÖ: Wenn der "große Politiker" Sliwowitz spendiert

28. Oktober 2014, 05:30
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Ein serbischstämmiger FPÖ-Bezirksrat sagte den Blauen Adieu. Was das über die Parteien insgesamt aussagt

Er posiert bei Auftritten serbischer Schlagerstars für Kameras, schaut um drei Uhr früh auf Balkanpartys vorbei, um eine Runde Sliwowitz zu spendieren: Jeden Wahlkampf wieder ernennt Heinz-Christian Strache die Serben Wiens zu seinen besten Freunden.

Einer seiner Vorzeigeserben hat ihm nun den Rücken gekehrt: Luka Marković, Bezirksrat in Meidling, hat wie berichtet sein blaues Parteibuch abgegeben und sein Herz den Roten geschenkt. Er sei sauer auf die Freiheitlichen – zu oft hätten sie den Serben mehr Macht versprochen und ihr Versprechen nicht gehalten. "Meine Geduld ist am Ende", sagt Marković zu derStandard.at: 2015 kandidiert der Gastronom für den Sozialdemokratischen Wirtschaftsverband (SWV) bei den Wahlen fürs Wiener Wirtschaftsparlament – "an wählbarer Stelle", wie man beim SWV versichert.

"Wir helfen euch"

Marković war einer von vier exjugoslawischen Bezirksräten bei der FPÖ, nun sind es nur noch drei. "Ich wollte nie Politiker werden, ich wollte nur etwas bewegen", sagt er heute. Oder eher "jemanden bewegen", nämlich seine Bekannten in aussichtsreiche Parteipositionen: Seine Maxime war, "dass meine Community besser vertreten ist", so Marković. "Wenn jemand in einer neuen Heimat lebt, sollte er überall mitmachen können." Das habe er der FPÖ vorgeschlagen – "und dort haben sie gesagt: 'Okay, wir helfen euch.'"

Da vor der letzten Wien-Wahl zwar viele aus seinem Umfeld für die Blauen sympathisierten, aber niemand sich auch outen wollte, kam er schließlich selbst ins Spiel. Strache höchstpersönlich habe ihn zwei Tage vor Einreichen der Wahllisten per SMS um seine Kandidatur gebeten, und er habe eingewilligt, sagt Marković.

"Pakt mit dem Teufel"

"Radikal war ich nie", beteuert er, viele freiheitliche Positionen habe er nicht mitgetragen, aber dennoch unterstützt. Mit den Blauen sei er einen Deal eingegangen, den er heute den "Pakt mit dem Teufel" nennt: "Ich bin geduldig und bleibe still, wenn die anderen gegen Ausländer hetzen – dafür bekommen wir mehr Leute im Landtag, Nationalrat und so weiter." Da die FPÖ "ihr Versprechen nicht gehalten" habe, habe er sich verabschiedet.

Warum er anfangs für die Freiheitlichen sympathisierte, erklärt Marković heute so: "Wir Serben haben schlechte Zeiten hinter uns. Wenn uns jemand seine Freundschaft anbietet, respektieren wird das." Wenn er an seine erste Begegnung mit Strache in einem Serbenlokal denkt, kommt der Exblaue heute noch ins Schwärmen: "Ich hab mich gefreut wie ein kleines Kind, dass so ein großer Politiker kommt und sagt 'Ich mag euch.'"

Strache nutzt Vakuum

Straches Stärke bei den Serben ist vor allem eine Schwäche der übrigen Parteien: Keine Partei spricht explizit exjugoslawische Wählergruppen an, es fehlt an serbischstämmigen Kandidaten an den vorderen Plätzen. Während man bewusst türkischstämmige Kandidaten ins Rennen um Vorzugsstimmen schickt, wurde das bei exjugoslawischen Communitys versäumt. "Man sagt 'Die Serben sind eh super integriert, die wollen wir gar nicht so separat behandeln‘ – die Parteien begreifen sie nicht als eigene Zielgruppe", meint Žarko Radulović von der Medienservicestelle Neue ÖsterreicherInnen.

Doch was macht eine Zielgruppe aus? Fest steht, dass die serbischstämmigen Wähler und Wählerinnen genauso divers sind wie alle anderen Wählergruppen, alle politischen Positionen von links bis rechts sind vertreten. Doch mangelt es an Partizipation der exjugoslawischen Communitys in der Politik. Das liegt zwar auch am restriktiven Wahlrecht, das nicht eingebürgerte Zuwanderer sogar auf kommunaler Ebenen versagt, für Parteien zu kandidieren, aber nicht nur: Es fehlt an Kontakten. Die Parteien wären auf gut vernetzte Migranten wie den Lokalbesitzer Marković daher angewiesen, nutzen dieses Kapital aber nur, wenn gerade wieder der nächste Wahltermin ansteht.

Pampige Reaktion

Die Freiheitlichen reagierten auf Markovićs – per Interview mit der Gratiszeitung "Heute" verkündeten – Abschied jedenfalls pampig. Der frühere Parteifreund habe sich ohnehin zu wenig engagiert, seine Kenntnisse der deutschen Sprache ließen überdies zu wünschen übrig, sein Abgang sei "nur bedingt eine Enttäuschung", man weine ihm daher keine Träne nach, so FPÖ-Landesparteisekretär Hans-Jörg Jenewein.

Marković findet das nur "lächerlich": Im Wahlkampf sei er zu mehreren Fernsehauftritten geschickt worden. "Wenn sie nach sieben Jahren feststellen, dass ich doch nicht gut genug Deutsch spreche, zeigt das nur, dass sie sonst nichts an mir zu kritisieren hatten."

Von einem Wechsel Markovićs zur SPÖ will man im SWV jedenfalls nicht sprechen. Der Gastronom kandidiere für den SVW, "was die Partei mit ihm macht, ist offen", so der mit dem Neuzugang nur namensverwandte SWV-Funktionär Darko Marković. Dass man mit einem Kandidaten, der sein FPÖ-Parteibuch erst vor kurzem abgelegt hat, manche Wähler vergraulen könnte, glaubt Darko Marković nicht: "Jeder schlägt einmal den falschen Weg ein im Leben", und: "Egal, woher jemand kommt – wir kommunizieren mit jedem."

Chancen der FPÖ unverändert

An den Erfolgschancen der FPÖ bei den Austroserben werde Markovićs Farbwechsel dennoch wenig verändern, glaubt Politikforscher Peter Hajek. "Die, die ihn bisher gewählt haben, tun das auch weiterhin", meint auch Radulović, der Straches Popularität bei den Serben aber ohnehin für überschätzt hält. "Der Anteil der FPÖ-Wähler ist bei den Austroserben wohl nicht höher als bei der autochthonen Bevölkerung."

Dass die Freiheitlichen die serbische Community in Zukunft noch intensiver umwerben wird, scheint laut Hajek wenig realistisch zu sein, dafür sei die Zielgruppe der wahlberechtigten Serben "nicht groß und wichtig genug". Für die FPÖ "hat es aber einfach gut gepasst zu sagen: Wir nehmen die christlichen Serben, um zu signalisieren, dass wir eh nicht gegen alle Ausländer sind." (Maria Sterkl, derStandard.at, 27.10.2014)

  • Im Wien-Wahlkampf 2010 posierte Heinz-Christian Strache stolz mit einer orthodoxen Gebetskette – ein Signal an die größte orthodoxe Wählergruppe, die Serben und Serbinnen.
    foto: standard/hendrich

    Im Wien-Wahlkampf 2010 posierte Heinz-Christian Strache stolz mit einer orthodoxen Gebetskette – ein Signal an die größte orthodoxe Wählergruppe, die Serben und Serbinnen.

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