Straßenschlachten in Köln rütteln Polizei auf

27. Oktober 2014, 22:15
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Bilanz: Mehr als 4.000 Rechte, 44 verletzte Beamte. Ob Österreicher unter den Verhafteten sind, werde noch ermittelt

Köln/Graz - Das Ausmaß der Gewalt und die Straßenschlachten, die sich am Sonntag in der Kölner Innenstadt abspielten, überraschten selbst hartgesottene Demoreporter. Von Eskalation und "bürgerkriegsähnlichen" Szenen schrieben deutsche Medien quer durch die Boulevard- und Qualitätszeitungen. Mehr als 4.000 Rechtsextreme zogen unter dem Namen der wenige Monate jungen Bewegung HoGeSA (Hooligans gegen Salafisten) durch die Stadt, randalierten, warfen bengalische Feuer und attackierten Menschen - vor allem Polizisten. 44 wurden verletzt, ein Beamter schwer, er hat massive Kopfverletzungen erlitten. Ein Polizeibus wurde von den Rechtsextremen umgeworfen. Am Bahnhof und in Zügen sollen Reisende bedroht und attackiert worden sein.

Die Polizei war mit 1.000 Mann vor Ort. War man von dem zuvor auf Facebook beworbenen rechten Marsch überrascht? "Nein", meint der Kölner Polizeisprecher André Faßbender im Gespräch mit dem STANDARD am Montag. "Facebook ist kein verlässliches Medium, dort haben sich über 6.000 angemeldet, und unsere Erfahrung mit früheren Veranstaltungen dieser Gruppierung hat uns gezeigt, dass weit weniger auftauchen."

"Sofort und konsequent eingeschritten"

Diesmal war es anders. Auch die vom Anmelder der Demo, einem Mandatar der rechtspopulistischen Partei Pro NRW, angegebenen 1.500 waren schwer untertrieben. "Es wurde jedenfalls sofort und konsequent eingeschritten, die Wasserwerfer gingen schon etwa um 15.30 Uhr in Stellung, Minuten, nachdem die losgelaufen waren und anfingen, Polizisten zu attackieren", so Faßbender. Was die Polizei jedoch schon überrascht hatte, war der Ausbruch und das Ausmaß der Gewalt seitens der rechten Demonstranten: "Sie müssen sich vorstellen, eigentlich haben ja die Polizisten die Aufgabe, Demonstranten zu beschützen - etwa vor Gegendemonstranten oder vor dem Straßenverkehr. Dann werden die aber attackiert, das ist Wahnsinn. Ich meine, wir wussten, dass das keine netten Menschen sind, aber angegriffen zu werden von Menschen, die wir eigentlich schützen sollten - das ist schon eine andere Qualität."

Rufe nach Demoverbot

Das Bundesland Nordrhein-Westfalen (NRW) strebt nun sogar ein Verbot solcher Kundgebungen an. Bund und Länder sollten alle rechtlichen Möglichkeiten gegen diese Gewalttäter ausschöpfen, sagte NRW-Innenminister Ralf Jäger.

Auch Innenminister Thomas de Maizière (CDU) forderte ein hartes Vorgehen. "Das hat mit Demonstrationsfreiheit nichts mehr zu tun und sollte dementsprechend untersagt werden", sagte er.

Die Gegendemonstranten, die vor einem Neonaziaufmarsch unter dem Deckmantel der Islamismuskritik warnten, rund 500 bis 800 an der Zahl, demonstrierten derweil laut Polizei völlig friedlich..

Während sich die Gruppe quasi als Fußballfans, die gegen islamistischen Terror auftreten, verkauft, sagt Faßbender, danach gefragt, wo denn personell bei dieser Demo der Unterschied zu Aufmärschen wie dem früheren "Dresdner Trauermarsch" lag, es sei "schwer zu sagen, das war schon sehr, sehr rechtsorientiert, das war auch durch die Parolen erkennbar, die gestern gebrüllt wurden." Aber es seien auch Hooligans von Klubs aus der ganzen Republik angereist, die sich sonst untereinander schwere Kämpfe lieferten.

Königshofer mit Herz in Köln

Auch in Österreich hatten einige - wie berichtet - ihre Anreise auf Facebook angekündigt. Einer hatte sich erst spät zur Liste der angeblich aus Wien anreisenden (viele davon waren ohnehin Deutsche) hinzugefügt: Werner Königshofer. Der Standard fragte nach, ob der Tiroler, der jahrelang für die FPÖ im Nationalrat saß, bis ihn die Partei nach mehreren Vorfällen ausschloss, tatsächlich in Köln war. "Nicht persönlich, aber ich war mit dem Herzen dort und wollte den Freunden viel Erfolg wünschen!", antwortet Königshofer. Ob er gehört habe, was sich dort abspielte? Alles Blödsinn, sagt der Exparlamentarier, "die Polizei wird vom Innenministerium und der Tante Merkel gesteuert, aber die werden sich nicht mehr lang spielen können."

Ob unter den 17 Verhafteten und 57 Strafangezeigten auch Österreicher waren, konnte die Polizei am Montag noch nicht sagen. Faßbender: "Es wird noch Tage dauern, bis wir den Sonntag aufgearbeitet haben." (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 28.10.2014)

  • Ein Polizeibus wurde von Demonstranten der Bewegung HoGeSa umgeworfen. Stundenlang lieferte man sich mit der Kölner Polizei Straßenschlachten. Diese sieht eine "andere Qualität" der Gewalt.
    foto: reuters / wolfgang rattay

    Ein Polizeibus wurde von Demonstranten der Bewegung HoGeSa umgeworfen. Stundenlang lieferte man sich mit der Kölner Polizei Straßenschlachten. Diese sieht eine "andere Qualität" der Gewalt.

  • Fahrradwurf gegen die Polizei.
    foto: reuters/wolfgang rattay

    Fahrradwurf gegen die Polizei.

  • Rechter Aufmarsch in Köln.
    foto: reuters/wolfgang rattay

    Rechter Aufmarsch in Köln.

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