Leben unter der Schwelle des Sichtbaren

27. Oktober 2014, 18:00
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Eine Zumutung im besten Sinne: Das Straßendrama "Heaven Knows What" von Josh und Benny Safdie

Die ersten Bilder stiften Verwirrung. Die Kamera ist dicht dran an zwei Körpern, die sich auf dem Boden wälzen. Es fällt nicht leicht zu sagen, wo der eine Körper beginnt und wo der andere endet, und ähnlich unklar bleibt, was hier geschieht. Eine leidenschaftliche Umarmung, vielleicht sogar Sex? Ein Kampf? Nur so viel lässt sich ahnen: Das leicht unangenehme Gefühl, das einen angesichts der großen Nähe zu den beiden Körpern beschleicht, während man sich zugleich in den Bildern nicht zurechtfindet, wird einen so bald nicht verlassen.

Heaven Knows What ist der dritte Spielfilm der New Yorker Brüder Josh und Benny Safdie; bisher haben sie neben kürzeren und dokumentarischen Arbeiten Go Get Some Rosemary (2009) und The Pleasure of Being Robbed (2008) gedreht. Beide Filme folgten Figuren, die durch New York und durch ihr Leben irrten, beide waren schöne Belege dafür, wie viel Freude unabhängiges, niedrig budgetiertes Kino mit prägnanter Autorenhandschrift bereiten kann. Heaven Knows What entwickelt diese Handschrift weiter; es ist ein Film, der sich an die Wahrnehmung seiner Figuren schmiegt und seinem Publikum im besten Sinne des Wortes etwas zumutet.

Denn die Figuren sind Junkies, und das heißt, dass die Wahrnehmung sprung- und lückenhaft ist. Harley, die Protagonistin (Arielle Holmes), schaut die Welt aus Augen an, deren Lider die meiste Zeit halb gesenkt sind, ein Dämmerzustand, in den bisweilen jähe dramatische Zuspitzungen einbrechen. Dieses Wechselspiel prägt den Rhythmus von Heaven Knows What ; in einigen Szenen wird es noch durch die Art und Weise verstärkt, wie die Safdies extradiegetische Musik einsetzen. Sie haben den japanischen Komponisten Isao Tomita beauftragt, der hat sich von Debussy inspirieren lassen und Synthesizer-Klangwände entwickelt, die wie Feuerwalzen durch den Film rollen.

Was ihre Figur erlebt, kennt Arielle Holmes aus erster Hand; sie selbst hat Heroin genommen und auf der Straße gelebt. Die Safdie-Brüder begegneten ihr, während sie für ein anderes Filmprojekt recherchierten, und baten sie, ihre Geschichte aufzuschreiben.

Aus dem Text, dem bisher unveröffentlichten Roman Mad Love in New York City, entwickelten Josh Safdie und Ronald Bronstein das Drehbuch. Auch andere Rollen werden von Laien mit entsprechender Lebenserfahrung gespielt. Hinzu kommen einige professionelle Schauspieler wie Caleb Landry Jones, der Harleys erratischen Geliebten Ilya verkörpert: mit seiner blassen Haut, seinen Sommersprossen, seinen hellen Augen und seinem schwarz gefärbten Haar eine sehr eigene, fast jenseitige Erscheinung.

Der Ort, an dem sich Heaven Knows What entrollt, ist die Upper West Side von New York. Die Subkultur der User bettet sich ein in eine gentrifizierte, vom eigenen Wohlstand grundüberzeugte Umgebung, und allein die Art, wie die Safdies diesen Kontrast in Zusammenarbeit mit dem Bildgestalter Sean Price Williams hervorbringen, nimmt für den Film ein. Schauplätze sind neben anderen der Riverside Park und der Sherman Square, der 1971 schon die Kulisse für The Panic in Needle Park von Jerry Schatzberg abgab.

Eine parallele Stadt

Es ist eine parallele Stadt, die man für gewöhnlich nicht wahrnimmt, eine Lebensform, die unterhalb der Schwelle des Sichtbaren zu bleiben scheint und dennoch alles andere als nacktes Elend ist. Heaven Knows What erzählt en passant auch von einer verborgenen Infrastruktur, davon, wo sich gute Plätze zum Betteln finden, welche Fastfood-Restaurants Toiletten haben, auf denen man sich einen Schuss setzen kann, und wie man seinen Facebook-Account von öffentlichen Bibliotheken aus pflegt. (Cristina Nord, DER STANDARD, 28.10.2014)

28. 10., Gartenbau, 15.30; 31. 10., Urania, 20.30

  • Sehr nah dran am Junkieleben in New York: Überlebenskünstlerin Harley (Arielle Holmes) und ihre "mad love" Ilya (Caleb Landry Jones) in "Heaven Knows What" von den Safdie-Brüdern.
    foto: viennale

    Sehr nah dran am Junkieleben in New York: Überlebenskünstlerin Harley (Arielle Holmes) und ihre "mad love" Ilya (Caleb Landry Jones) in "Heaven Knows What" von den Safdie-Brüdern.

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