Ein Tag, hundertmal belästigt   

31. Oktober 2014, 10:58
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Vielversprechender neuer Blog über feministische Standpunkte, etwas "Social Freezing" und Experiment auf den Straßen Manhattans

Wissenschaftlich, langsam, aber mit Blog: Die "Feministischen Studien" gehen unter die BloggerInnen. Die Soziologin, Genderforscherin und Redakteurin der interdisziplinären Zeitschrift für Frauen- und Geschlechterforschung, Sabine Hark, über die Gründe: "Eine wissenschaftliche Zeitschrift ist freilich aus guten Gründen ein in jeder Hinsicht langsames Format." Nach mehr als 30 Jahren, die es die "dienstälteste" Zeitschrift für Frauen- und Geschlechterforschung nun gibt, sei es an der Zeit, sich an ein schnelleres Format zu wagen. Die Redaktion hofft, dadurch jene zu erreichen, "die Feminismus weder für ein Komplott der Tussikratie halten noch der Meinung sind, dass Lean in und Stand up die (einzig) zukunftsweisenden feministischen Grundhaltungen sind."

Alle zwei Monate wird ein neues AutorInnen-Duo zur feministischen Analyse und Interpretation antreten. Es starten die Sozialwissenschafterin Gudrun-Axeli Knapp und die Erziehungswissenschafterin Maureen Maisha Eggers.

"Social Freezing" – eine seltsame Abkürzung: Luise F. Pusch machte sich in ihrem "feministischen Blog mit linguistischem Einschlag – und umgekehrt" Gedanken über den Ausdruck "Social Freezing". Die Meldung, Apple und Facebook übernähmen die Kosten für das Einfrieren von Eizellen, damit Mitarbeiterinnen eine Schwangerschaft auf viel später verschieben können, sorgte für Aufregung. Fest stehe, mit "sozialem Wohnungsbau und anderen Sozialmaßnahmen hat Social Freezing nichts zu tun, im Gegenteil", schreibt Pusch auf "Laut & Luise". Die Sprachwissenschafterin wundert sich über die seltsame Abkürzung, die sie auf angloamerikanischen Seiten nicht finden konnte (lediglich "social egg freezing"), sondern nur in deutschsprachigen Medien. Für Pusch nicht nur ein gutes Beispiel dafür, wie sich "dubiose Nachrichten als verbindliche Norm durchsetzen", sondern auch eines für den "Abkürzungs- und Verschleierungstrieb", den sie vor allem auf dem Gebiet der weiblichen Fortpflanzung beobachtet.

Ein Blog des Magazins "Neon" bedient sich jedenfalls weiterhin dieser Formulierung. Judith Liere schreibt dort unter dem Titel "Ice, Ice, Baby", dass die Kostenübernahme für das Einfrieren von Eizellen auch vor dem Hintergrund des US-amerikanischen Gesundheitssystems gesehen werden müsse. Dass auch Babyprämien und Adoptionskosten übernommen werden, zeige, dass es den Konzernen nicht nur darum gehe, Mitarbeiterinnen am Kinderkriegen zu hindern. "Darüber wird aber nicht diskutiert. Stattdessen wird das Eizellen-Einfrieren an sich verdammt, und Frauen, die sich dafür entscheiden, werden als karrieregeile Egoistinnen abgeurteilt", schreibt Liere. Schwangerschaft sei außerdem schon längst kein Schicksal mehr. Das Aufschieben einer Schwangerschaft sei heute Alltag, weil das Erwachsenwerden immer länger dauern würde: "Wir machen nach dem Abi ein Jahr Auszeit, studieren lange, machen Praktika, wechseln die Städte, die Partner und die Jobs, hangeln uns von Jahresvertrag zu Jahresvertrag oder basteln an unserer Selbstständigkeit."

"Wir"? Für welche Mitarbeiterinnen gilt dieses Angebot von Apple und Facebook eigentlich? Diese Frage aus Luise F. Puschs Beitrag drängt sich in dieser Stelle des "Neon"-Blogs auf: "Ob auch die Facebook- und Apple-Putzfrauen in den Genuss dieser Großzügigkeit kommen oder nur das hochqualifizierte 'kreative' weibliche Tech-Personal, konnte ich nicht herausfinden."

1 Tag, 100 Belästigungen: Pfiffe, Geflüster und Grüße von Fremden – das gehöre für Frauen, die in einer Großstadt leben, noch immer dazu. Völlig unabhängig davon, wie spät es gerade ist, wo sie unterwegs sind und was sie tragen, schreibt Hannah Baxter auf der Seite des "Bust"-Magazins, wo sie auf ein Video der Organisation Hollaback über Belästigung im öffentlichen Raum hinweist. Darin ist eine Frau zu sehen, die zehn Stunden durch sämtliche Bereiche Manhattans marschiert – eine Kamera zeichnet die Belästigungen, mit denen die Frau konfrontiert ist, auf.

street harassmentvideo

Das Video wurde innerhalb nur eines Tages fünf Millionen Mal angesehen, es gab zahlreiche Kommentare auf Twitter – und auch Mord- und Vergewaltigungsdrohungen für die Protagonistin des Videos, wie die Organisation meldete. (red, dieStandard.at, 31.10.2014)

dieWochenschau versammelt einige feministische Debatten und Ereignisse der vergangenen Woche, die in Blogs, sozialen Medien oder anderen Zeitungen aufgetaucht sind.

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