"Das Kino kann das Glück nicht erzählen"

Interview27. Oktober 2014, 17:57
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Das brillante Melodram "Phoenix" erzählt von einer Jüdin, die nach dem Krieg in Berlin nur Trümmer ihres alten Lebens birgt. Ein Gespräch über Gesichter, Gespenster und falsche Kontinuitäten

STANDARD: Nelly, die von Nina Hoss verkörperte Holocaustüberlebende, kehrt zu Beginn des Films nach Berlin zurück. Das erinnert ein wenig an den Eurydike-Mythos - wie eine Tote bewegt sie sich unter den Lebenden. Wie kam es zu dieser Erzählbewegung des Films?

Christian Petzold: Harun Farocki (Koautor des Films, Anm.) und ich haben viel über diese Kultur der Rückkehr gesprochen. Es gibt etwa den Wolfgang-Staudte-Film Die Mörder sind unter uns (1946), in dem Hildegard Knef als Ravensbrück-Überlebende in ein völlig zertrümmertes Berlin kommt. Die Leute sehen sie zwar, aber mehr wie eine Art Engel - und das heißt ja auch, dass sie tot ist. Nie wird sie in dem Film selbst bemitleidet, was den Filmemachern wahrscheinlich gar nicht klar geworden ist. Auch Jean Améry beschreibt, wie er zurückkommt und "überlebt", indem er dauernd Marcel Proust zitiert. Indem er diese Kulturblase um sich schafft, verfolgt er den Wunsch, in die Zeit vor dem Faschismus zurückzukehren. Diese Umkehrung ist aber nicht mehr möglich.

STANDARD: Eine Nostalgie, die misslingt?

Petzold: Es ist eher Produktion von Zeit, keine Modelleisenbahnnostalgie. Améry romantisiert nicht, aber er will zu einer Zeit zurück, in der sich die Menschen noch einmal, aber diesmal richtig entscheiden. Doch er kommt zurück und ist ein Gespenst: Keiner schaut ihn an, keiner hört ihm zu. Alle drehen sich um, sodass er noch isolierter ist, als er es als Verfolgter war.

STANDARD: Auch Nelly wird nicht angeschaut, und ihr eigener Mann - gespielt von Ronald Zehrfeld - erkennt sie nicht. Das Nichterkennen wird als Problem ganz offen behandelt, nicht maskiert. Wie kam es zu dieser Konstruktion, die ja einen geneigten Zuschauer benötigt?

Petzold: Das war eine risikobewusste Entscheidung. Und es hat dazu geführt, dass ich bis zum 19. Drehtag noch Anrufe bekam, ich solle mir das nochmals überlegen, die Maskenbildner bestellen. Aber wenn sich jemand nicht erkennt, dann geht es auch um seine Selbsterkenntnis. Ich habe das manchmal ganz banal erklärt: Manchmal sieht man sich morgens im Spiegel an und erkennt sich nicht, weil von innen etwas fehlt. Wenn er sie wieder lieben könnte, sie anschauen könnte, ohne die Schuld, dann könnte er sie erkennen. Und sie hätte dadurch ihr Gesicht zurück. Wir sind in keinem Mas- kenbildnerwettbewerb, es geht um das seelische Gesicht. Die Menschen sind zu Nummern, zu Gesichtslosen gemacht worden. Ich habe Nina immer gesagt, dass Der fliegende Holländer für mich der ganz große Kinomythos ist: Es wimmelt von Leuten, die dazu verurteilt sind, über die Weltmeere, durch die Großstädte zu treiben. Aber erst, wenn sie irgendjemand anschaut, "Ich liebe dich" sagt oder "Wollen wir ins Meer gehen?", dann bekommen sie ein Gesicht.

STANDARD: Das passiert aber genau nicht in "Phoenix", dafür erfindet ihr Mann eine Alternativgeschichte. Nelly kehrt nochmals zurück, diesmal in einer Inszenierung - eine fantastische Idee ...

Petzold: Da hat Harun gejubelt, solche Sachen liebt er! Er sagte: "Die proben ihre Ankunft, und nachher passiert es genau so!" Und weil es genau so passiert, ist es völlig falsch. Als wir die Szene gedreht haben, haben wir richtig Angst davor bekommen. Denn als dann alle die vorbereiteten Sätze sagen, mit dieser leichten Verschiebung, tritt noch ein weiterer Effekt ein: Plötzlich haben alle Figuren, die von sich glaubten, eine feste Identität zu haben, wie Gespenster gewirkt. Und das ist etwas, was die Geschichte der Bundesrepublik durchzieht: ein gespenstisches Gebilde.

STANDARD: Wie verhält sich "Phoenix" denn zum konventionellen Geschichtsfilm, der sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigt? Was ermöglich Ihnen das Melo, der Film noir?

Petzold: Es gibt diesen Text von Frieda Grafe, Licht in Berlin, da geht es um den Genrebeginn im Berlin Anfang der 30er-Jahre: Siodmak, Wilder, Ulmer, Sirk. Alles Regisseure, die gehen mussten und dabei etwas nach Hollywood mitgenommen haben: nicht nur das Licht, nicht nur Genre, nicht nur Melodram, sondern ein ganz großes Misstrauen gegenüber Gemeinwesen. Das ist alles in den Schwarze-Serie-Filmen drinnen: vereinzelte, verzweifelte Menschen, die wie Schattenwesen in der Nacht leben. Also müsste man eigentlich, nach 1945, diese Schwarze-Serie-Geschichte nach Deutschland zurückholen, um so ähnlich wie in der Améry-Geschichte an die Zeit vorm Krieg anzuknüpfen.

Deswegen haben wir auf 35 mm und in Cinemascope gedreht und die Farben sehr klar gesetzt. Nina hat sehr viel Lauren Bacall übernommen, auch die Verzweiflung hinter dem Panzer. Das Genre ist für mich nicht einfach eine grammatikalische Spielerei. Wenn man in Deutschland immer sagt, man habe kein Genre, dann liegt das daran, dass das Genre im Exil gebildet wurde.

STANDARD: Es gibt gewisse Parallelen zu "Barbara", Ihrem letzten Film, nicht nur aufgrund derselben Darsteller. Was hat es damit auf sich?

Petzold: Das ist total bewusst. Alexander Kluges Geschichte Ein Liebesversuch war der grundlegende Text für uns alle. Da geht es darum, dass die Nazis im KZ versuchen, eine Liebesbeziehung unter den Insassen wieder in Gang zu setzen. Das scheitert, die beiden können sich nicht einmal ins Gesicht schauen. Die Liebe ist nicht zu erwecken. Im Kino kann man das Glück nicht erzählen. Das macht die Werbung. Im Kino sehen wir Leute, die Sehnsucht haben. Aber wonach sie Sehnsucht haben, das können wir nicht in Bilder setzen - das gehört ihnen. In Barbara hatte ich ein Paar, das auf dem Weg zu einer Liebe ist. In dem Moment, wo sie beginnen könnte, hört der Film auf. Phoenix kann nur anfangen, wo diese Liebe zerlegt, zerstört ist. Weil der andere Film davor liegt, können wir uns vielleicht an etwas erinnern. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 28.10.2014)

Christian Petzold (54) studierte an der Dffb in Berlin. Seine Filme wurden lange der Berliner Schule zugerechnet; mit "Barbara" erhielt er den Silbernen Bären auf der Berlinale.

1. 11., Gartenbau, 21.00;

2. 11., Urania, 13.00

  • Mit unsicherem Schritt durch das zerbombte Berlin: Nina Hoss liefert als Nelly in "Phoenix" wohl ihre außergewöhnlichste Leistung.
    foto: viennale

    Mit unsicherem Schritt durch das zerbombte Berlin: Nina Hoss liefert als Nelly in "Phoenix" wohl ihre außergewöhnlichste Leistung.

  • Der deutsche Regisseur Christian Petzold.
    foto: epa/juan herrero

    Der deutsche Regisseur Christian Petzold.

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