Geheimer König und entspannter Universalist

27. Oktober 2014, 18:02
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Die Laufbahn von Viggo Mortensen ist schon deshalb ungewöhnlich, weil sie sich zwischen äußerst unterschiedlichen Filmwelten bewegt. Die Viennale würdigt den US-Darsteller mit einem Tribute

Um in Hollywood zu den ganz großen Sternen aufzusteigen, sollte man sich im Allgemeinen jung entdecken und möglichst rasch zum Star aufbauen lassen. Schauspieler, die es erst nach Jahren von der zweiten in die erste Reihe schaffen, sind Ausnahmen, die die Regel vom Vorteil der jugendlichen Strahlkraft bestätigen.

Viggo Mortensen, dem die heurige Viennale ein Tribute widmet, ist jedoch mehr als eine Ausnahme, schaffte der 1958 in New York Geborene den Durchbruch in die zumindest potenzielle A-Riege des US-Kinos doch gerade aufgrund seiner verhältnismäßig fortgeschrittenen Reife: Die Rolle des geheimen Königs Aragorn in Peter Jacksons Verfilmung von The Lord of the Rings (2001-03) übernahm Mortensen erst in letzter Minute, nachdem Jackson den für diesen Part ursprünglich vorgesehenen Stuart Townsend einen Tag vor Drehbeginn für zu jung befunden hatte.

So zufällig diese Entwicklung auch gewesen sein mag, so typisch erscheint sie für den Lebensweg Mortensens - die Rolle des Sigmund Freud in David Cronenbergs A Dangerous Method (2011) sollte er erst von Christoph Waltz erben. Auch nach seinem Durchbruch wurde er nicht zum Zugpferd ähnlicher Blockbuster.

Auf vielen Pfaden unterwegs

Als Sohn einer amerikanischen Mutter und eines dänischen Vaters wuchs Viggo Mortensen in Venezuela, Dänemark und schließlich in Argentinien auf. Nach der Scheidung seiner Eltern folgte er seiner Mutter im Alter von elf Jahren nach New York, wo er Spanisch und Politik studierte. Heute, als Schauspieler zwischen den USA und Spanien pendelnd, verwendet er seine Gagen nicht nur, um nach getaner Dreharbeit seine Filmpferde zu kaufen, sondern auch, um seinen eigenen Verlag Perceval Press zu finanzieren. Neben eigenen Gedicht-, Bild- und Fotobänden veröffentlicht der Bibliophile Werke, die sich für eine weitere Verbreitung etwas zu abseits des Mainstreams bewegen. Seine ständig wachsende Diskografie, die unter anderem Kooperationen mit dem Gitarrenüberdüdler Buckethead enthält, sei nur nebenbei erwähnt.

Man mag spekulieren, wie weit dieser Universalismus seine Wurzeln in den vielsprachigen Wanderjahren seiner Jugend hat. Fest steht, dass sich dessen Spuren ebenso wie die Neigung zu am Rand stehenden Figuren auch in den Filmen Mortensens finden. Zahlreich sind Anekdoten, die zeigen, wie sehr sich der Schauspieler in seine Filme einbringt, sei es durch extremen Einsatz bei Schwertkämpfen in The Lord of the Rings oder durch das eigenständige Beisteuern von Requisiten, etwa für A History of Violence (2005).

In dieser seiner ersten Arbeit mit Cronenberg spielt Mortensen einen Familienvater, der von seiner kriminellen Vergangenheit eingeholt wird, zwei Jahre später inszenierte ihn der Regisseur in Eastern Promises (2007) als verdeckten Ermittler in Gestalt eines Mafia-Killers. Wie Aragorn sind es Figuren mit einer zweiten Identität, beobachtende Beisteher, die mit größter Konsequenz handeln, wenn es von ihnen verlangt wird.

Nur wenig verschoben sind die Vorzeichen in dem Sixties-Drama A Walk on the Moon (1998), wenn er die brave Diane Lane einen unverhofften Summer of Love erleben lässt. Auch als aggressiver Vietnam-Heimkehrer in Sean Penns The Indian Runner (1991) und als einer der letzten Menschen in John Hillcoats Verfilmung von Cormac McCarthys The Road (2009) verkörpert er Männer außerhalb der Gesellschaft.

Wenn ihn seine jüngste Arbeit Jauja (2014), zu der Mortensen auch die Musik beigesteuert hat, als dänischen Ingenieur zeigt, der Ende des 19. Jahrhunderts durch ein mystisches Patagonien taumelt, dann scheint man wirklich bei der Essenz der Viggohaftigkeit angelangt zu sein. Die Vorführungen bei der Viennale finden in Anwesenheit von Regisseur Lisandro Alonso statt. Dass sich der durch ein Special geehrte Hauptdarsteller gegen einen Wien-Besuch entschieden hat, lässt hinter der Tribute-Idee zwar ein Fragezeichen erscheinen, verstärkt aber auch das Bild des eigenwilligen Renaissancemenschen abseits der gewohnten Pfade. (Dorian Waller, DER STANDARD, 28.10.2014)

  • "Blusen-Mann" im Ferienlager oder ...
    foto: viennale

    "Blusen-Mann" im Ferienlager oder ...

  • ... Undercoveragent im Mafia-Milieu: Viggo Mortensens Figuren (hier aus "A Walk on the Moon" und "Eastern Promises" ) handeln konsequent, wenn es die Sache verlangt.
    foto: viennale

    ... Undercoveragent im Mafia-Milieu: Viggo Mortensens Figuren (hier aus "A Walk on the Moon" und "Eastern Promises" ) handeln konsequent, wenn es die Sache verlangt.

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