Eine beinharte Schule des Überlebens

27. Oktober 2014, 18:03
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Tatsächlich kaum auszuhalten: Das Gehörlosendrama "Plemya / The Tribe" von Myroslav Slaboshpytskiy

Bedeutende oder bedeutend sein wollende Filme zeichnen sich häufig dadurch aus, dass sie sich (und uns) bestimmte Bedingungen setzen. Im Falle des ukrainischen Plemya (The Tribe) von Myroslav Slaboshpytskiy klärt ein Insert noch vor dem ersten Bild über das Wesentliche auf: In den 130 Minuten, die folgen, wird nicht in Worten gesprochen. Es gibt nur die Gebärdensprache der gehörlosen Protagonisten, und diese wird nicht (in Untertiteln) übersetzt.

Dann geht es los, und zwar noch relativ alltäglich: Sergey, ein arglos wirkender Teenager, kommt in ein Heim, in dem er auf seinesgleichen trifft. Junge Menschen, die nichts hören, die nicht sprechen, die aber intensiv miteinander kommunizieren. Oder hat es vielleicht nur den Anschein, weil das Sprechen in Gesten eben immer leidenschaftlich wirkt? Gibt es eine bestimmte "Phrasierung" dieser Gebärden für Langeweile, Desinteresse, gar für Zynismus oder Gefühlskälte?

Slaboshpytskiy stellt uns auf eine mehrfache Weise vor Rätsel der Subjektivität. Die Erlebnisse von Sergey werden für ihn zu einer beinharten Schule des Überlebens und der Suche nach Fluchtorten für Intimität. Denn eines der Gesetze dieses Wohnheims ist das der immer offenen Tür: Es kann jeden Moment sein, dass jemand einen aus dem Bett reißt. Der Schlaf wird erst so richtig unbehütet, wenn es keine Warnung durch Geräusche gibt.

Sergey wird bald in die täglichen Abläufe einbezogen. Zwei Mädchen werden von ein paar Zuhältern Nacht für Nacht aus dem Haus gebracht und auf einem Lkw-Parkplatz feilgeboten. Sergey verliebt sich in eine der beiden. Ein Liebesakt in einem Heizungskeller ist eine der vielen Szenen, die deutlich machen, warum viele Kritiker diesen Film so lieben: weil er so perfekt eine Grenze zwischen Natur und Kunst, zwischen authentischem Elend und virtuoser Choreografie trifft. Alles an ihm ist letztlich Tanz, aber eben auf eine wütende, brutale, tödliche Weise.

Dass ausgerechnet die Ukraine, die nach 1989 lange kein nennenswertes Kino hatte, so ein Werk hervorbringt, mag dann noch zusätzlich passend erscheinen: Ein "failing state" wird hier vor allem durch die radikale Abwesenheit von Institutionen erkennbar, die nächtliche Welt der Jugendlichen ist auf eine existenzialistisch zugespitzte Weise weltverloren, und die einzige Szene, in der Behörden auftauchen, hat bezeichnenderweise mit einem Visum fürs Ausland zu tun. In einer kontroversen Entscheidung haben die zuständigen Stellen Plemya nun als Kandidaten für den Auslandsoscar nominiert - und damit auch einen zentralen Deal ratifiziert, den das Weltkino als System anbietet: Elendskunst wird eben immer noch stark honoriert.

Slaboshpytskyi führt dem Festivalbetrieb dessen impliziten Zynismus vor Augen, aber nicht so, dass er eigene Bedingungen setzen könnte. Ihm bleibt nur, mit einem kaum aushaltbaren Ende, sein eigenes Prinzip so zu radikalisieren, dass man Plemya schließlich doch nur als ein "funny game" sehen kann. Anders wäre der Film überhaupt nicht auszuhalten. So ist er es aber auch nicht. (Bert Rebhandl, DER STANDARD, 28.10.2014)

29.10., Gartenbau, 13.00; 30.10., Metro, 13.30

  • Liebesakt im Heizungskeller oder virtuose Elendschoreografie: Heimbewohner Anya (Yana Novikova) und Sergey (Grigoriy Fesenko) im ukrainischen Drama "Plemya / The Tribe".
    foto: viennale

    Liebesakt im Heizungskeller oder virtuose Elendschoreografie: Heimbewohner Anya (Yana Novikova) und Sergey (Grigoriy Fesenko) im ukrainischen Drama "Plemya / The Tribe".

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