"Terrorgruppen sprechen Frauen anders an als Männer"

Interview29. Oktober 2014, 05:30
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Menschenrechtsexpertin Jayne Huckerby warnt vor westlichen Stereotypen über Frauen, die sich der IS anschließen

Vermutlich angelockt von einer romantischen Jihad-Vorstellung haben sich die Mädchen Sabina S. und Samra K. aus Österreich aufgemacht, um sich in Syrien radikalen Islamisten anzuschließen. Damit sind sie nicht alleine: Anders als bei vorangegangen Konflikten in Afghanistan und Pakistan fühlen sich verstärkt auch junge Frauen von jihadistischen Bewegungen angezogen. Am Rande einer OSZE-Konferenz über Extremismus und Radikalisierung in der Wiener Hofburg erklärte Jayne Huckerby von der Duke University derStandard.at, dass die IS-Miliz für Frauen spezielle Rekrutierungsmethoden entwickelt habe. Der Westen dagegen habe solche Strategien noch nicht gefunden, warnt die Menschenrechtsexpertin.

derStandard.at: Immer mehr junge Frauen aus dem Westen schließen sich der radikalen Miliz "Islamischer Staat" (IS) an und damit einer Gruppe, die klar frauenfeindlich agiert. Warum fühlen sich auch Frauen von solchen Gruppen angezogen?

Huckerby: Um das zu beantworten, muss man sich die speziellen IS-Rekrutierungsmethoden für Frauen und junge Mädchen ansehen. Einige dieser Methoden unterstreichen die Möglichkeit für Frauen, eine neue Gesellschaft aufzubauen, was für manche attraktiv erscheint. Andere Techniken beinhalten die Ansprache durch soziale Medien, Gruppendruck und das Bedürfnis, Ehefrau sein zu können.

Einige junge Frauen haben ein idealisiertes Bild von der IS, ihnen sind die Gräueltaten nicht bewusst. Je nach Fall gibt es auch Personen, die um ihre eigene Identität und Zugehörigkeit ringen. Die IS bietet ihnen die Möglichkeit, Teil einer neuen Gemeinschaft zu sein, und das ist besonders für Frauen attraktiv, die sich als Teil einer Minderheit oft entfremdet fühlen.

derStandard.at: Bei Männern, die sich der IS anschließen, wird oft die Suche nach Abenteuer, Gemeinschaft und Identität als Motiv angeführt. Aber gibt es daneben noch andere, für Frauen spezielle Gründe, sich diesen Gruppen anzuschließen?

Huckerby: Das ist genau das Gebiet, wo wir mehr Informationen brauchen. Weil Frauen einen geringeren Prozentsatz an ausländischen Kämpfern ausmachen, die nach Syrien und in den Irak gehen, gab es bisher die Debatte darüber noch nicht: Warum gehen diese jungen Frauen, was finden sie dort, und wie entwickeln wir Strategien, damit sie zurückkehren? Derzeit ist Terrorismus, aber auch Antiterrorismus jedoch noch ein männlich dominierter Schauplatz.

derStandard: Liegt das nicht auch daran, dass die meisten Personen, die darüber sprechen und entscheiden, Männer sind?

Huckerby: Ja, und weil terroristische Gruppen traditionell männlich dominiert sind. Aber auch wenn wir über Terrorismusbekämpfung und deren Opfer sprechen, zum Beispiel über Drohnenangriffe oder das Gefangenenlager Guantánamo, sprechen wir über Männer, aber fast nie darüber, wie das Frauen betrifft.

derStandard.at: Derzeit sind sogenannte Deradikalisierungsprogramme in aller Munde, aber sehr wenig, welche Rolle Frauen dabei spielen können.

Huckerby: Es gibt wenige Deradikalisierungsprogramme, die auf Frauen abzielen. Wir wissen von Ländern wie Kolumbien oder Sri Lanka, dass Frauen, die sich terroristischen Gruppen anschließen, dort einzigartige Rollen spielen und, wenn sie zurückkehren, in ihren Gesellschaften stigmatisiert werden. Deswegen brauchen wir Deradikalisierungsprogramme, die speziell auf Frauen zugeschnitten sind.

Terroristische Gruppen sprechen Frauen anders an als Männer, westliche Regierungen tun das nicht. Das ist eine Lücke.

derStandard.at: Wenn man sich die westliche Berichterstattung über Frauen ansieht, die sich der IS angeschlossen haben, fällt auf, dass es oft so dargestellt wird, als seien sie hereingelegt worden. Eine Darstellung, die man selten über männliche Jihadisten liest.

Huckerby: Wenn wir über Frauen sprechen, die sich terroristischen Gruppen angeschlossen haben, ist die Annahme oft, sie seien hereingelegt worden oder würden gegen ihren Willen festgehalten. Wir sehen diese Darstellung in der Berichterstattung über Frauen in Al-Kaida und Al-Kaida-ähnlichen Gruppen, aber auch bei rechtsextremen Gruppen. Wir müssen ehrlicher sein darüber, welche Entscheidungen Frauen selbst treffen und warum solche Gruppen für sie attraktiv sind, und Gender-Stereotype überwinden, wonach Frauen nur hereingelegt, getäuscht oder unter Drogen gesetzt würden.

derStandard.at: In den Medien ist fast tagtäglich über die IS und die Bedrohung zu lesen, die sie darstellt. Sehen Sie in dieser Intensität Parallelen zur Stimmung in den Wochen und Monaten nach dem 11. September?

Huckerby: Die Art der Terrorismusbekämpfung der vergangenen zehn Jahre hat die Formierung dieser Gruppen und den Groll ihrer Anhänger geprägt. In vielfältiger Weise sind gerade junge Frauen und Mädchen in Europa die Opfer von Islamophobie geworden, besonders wenn sie Kopftuch tragen. Diese diskriminierenden Auswirkungen von Terrorismusbekämpfung prägen das gegenwärtige Umfeld stark.

Was ich sehr interessant finde, ist, dass kurz nachdem der Kampf gegen die IS im Westen ausgerufen wurde, plötzlich über die Auswirkung der IS auf Frauenrechte gesprochen wurde. In Afghanistan nach 2001 gab es den Ruf, "die Frauen vor den Taliban zu retten". Mich beunruhigt das Wiederaufkommen der "Rettet die Frauen"-Rufe. Keine Frage, die IS verletzt in vielerlei Hinsicht die Rechte von Frauen. Aber wir müssen mit dieser Argumentation sehr vorsichtig sein. Das ist ein Narrativ, das Frauen geradezu ausliefert, Opfer von terroristischer Gewalt zu werden. Was ich bei meiner Arbeit in Afghanistan und Pakistan gelernt habe, ist, dass, wenn der Westen sagt "Wir sind hier, um Frauen zu retten", ein Angriff auf eine Mädchenschule zu einem Angriff auf den Westen wird. Es hilft also nicht und untergräbt noch dazu die Tatsache, dass Frauen in diesen Gesellschaften durchaus stark sind. Mit der Idee, dass wir von außerhalb kommen müssen, um sie zu retten, bringen wir Frauen ins Fadenkreuz von Gruppen wie der IS. (Stefan Binder, derStandard.at, 29.10.2014)


Jayne Huckerby ist Professorin an der juristischen Fakultät der Duke University in North Carolina und Direktorin der International Human Rights Clinic der Universität. Davor war die gebürtige Australierin unter anderem Beraterin für Menschenrechte für UN Woman, einer Organisation der Vereinten Nation für Gleichberechtigung.

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