Morrissey: Ewiger Held in der Blechdose

27. Oktober 2014, 07:00
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Der britische Popstar Morrissey, Ex-Sänger von The Smiths, gastierte im Wiener Konzerthaus

Wien - Den Helden der Jugend vergibt man vieles. Haben sie einen doch durch die Zeit der Pickel, der frühzeitigen Samenergüsse und der sich nach drei Seiterln drehenden Betten begleitet, ohne den Glauben an einen zu verlieren.

Steven Patrick Morrissey ist ein solcher Held. Mit seinem immer phänomenal neben der Spur liegenden Gesang formulierte er mit der Band The Smiths herrliche Außenseiterlieder. Das war in den 1980ern. Nach fünf Alben waren die Smiths Geschichte, und ihr Sänger schlug eine erfolgreiche Solokarriere ein. Dann verschwand er für einige Jahre, schmollend und ohne Plattenvertrag, bevor er vor zehn Jahren mit You Are The Quarry eindrucksvoll wiederkehrte.

Am Freitag gastierte der aus Manchester stammende Popstar im Wiener Konzerthaus. Und man wurde von der ersten Minute an daran erinnert, dass dessen altehrwürdige Säle einst dafür errichtet wurden, Harfengezirpe, die hohen Töne der Nasenflöte oder das Räuspern vortragender Soubretten bis in die hintersten Winkel hörbar zu machen. Für ein neumodernes Rockkonzert ist der Saal ein Klumpert.

Nicht einmal am Mischpult, also dort, wo jemand bezahlterweise sich abmüht, eine akustische Darbietung so abzumischen, auf dass diese in den Gehörgängen des Publikums als Wohlklang ertönt, gelang das Unterfangen.

Einseitige Setlist

Morrissey und seine fünf Knechte klangen, als würden sie in einer Blechdose dröhnen. Übersteuert und schrill. Das war das eine Ungemach. Das andere war die Songauswahl des 55-jährigen Meisters. Trotz jüngst verlautbarter Krebserkrankung wirkte er wie bei bester Gesundheit. Stimmlich ist ihm nichts Schlechtes nachzusagen, doch bestand er darauf, einen Großteil seines zehnten, im Sommer erschienenen Soloalbum World Peace Is none of your Business darzubieten. Bleiben wir bei der alten Helden zustehenden Höflichkeit und sagen wir es so: Es zählt nicht zu seinen acht besten Soloalben.

Die Band holzte dazu ohne höheren Auftrag zur Subtilität durch Lieder wie Earth Is The Loneliest Planet, Istanbul, Neal Cassady Drops Dead oder The Bullfighter Dies, für das er eine "spanische Gitarre" bemühte, die seine Ankündigung von "Poetry and Folk Music" in eine ernsthafte Drohung übersetzte.

Darin eingebettet war das obligatorische How Soon Is Now von The Smiths im schweren Bombastrockmantel. Dazu gestikulierte Morrissey routiniert und runzelte die Augenbrauen derart, dass er mit seiner Frisur an einen anderen Jugendhelden erinnerte, an Stan Laurel. Trotz dieser Prominenzkonzentration war es kein schöner Abend nicht. (flu, DER STANDARD, 27.10.2014)

  • Morrissey bei einem Auftritt am 13. Oktober in Rom. Am Freitag gastierte der einstige Frontman von The Smiths im Wiener Konzerthaus.
    foto: epa/ettore ferrari

    Morrissey bei einem Auftritt am 13. Oktober in Rom. Am Freitag gastierte der einstige Frontman von The Smiths im Wiener Konzerthaus.

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