Viennale-Blog: Wenn die Gesäßmuskulatur entscheidet

Blog27. Oktober 2014, 09:56
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Unser Blogger schreibt über die Erwartungen der Publikumsjury und eine zentrale Befürchtung

"Liebe Publikumsjury, vielen Dank für eure Bewerbungen und ein herzliches Willkommen bei der Jury 2014." Das war die erste schriftliche Antwort nach der Bewerbung. "Wow. Feine Sache. 20 Filme und mehr in knapp zwei Wochen. Aber was heißt das jetzt?" Das war der erste Gedanke nach der Zusage.

Erwartung

Durch den Austausch innerhalb der Jury kommen doch alle zu überraschend ähnlichen Schlüssen: Man erwarte sich Inhalte, die über den Kinobesuch hinaus nachwirken, und eine Veränderung der eigenen Lesart. Zum einen durch die Reflexion untereinander und zum anderen durch die thematische und formelle Vielfalt der internationalen Produktionen.

Erfahrung

Tatsächlich scheint sich dieser Eindruck bereits nach vier Filmen zu bestätigen. Während "Jayueui onduk" koreanisch-japanische Verhältnisse im Rahmen einer konfusen Erzählstruktur verhandelt, präsentiert sich "Leviafan" als kleines Epos der zeitgenössischen russischen Befindlichkeit. Nachdem "Dólares de Arena" moralische Fragen um die Illusion der Liebe in tropischem Setting aufwirft, findet man sich bei "Court" in einem indischen Gerichtssaal wieder, in dem ein zermürbendes und schwer nachvollziehbares Rechtssystem präsentiert wird.

Möglichkeit

Die Viennale ermöglicht also einem jeden von uns, gesellschaftsspezifische Zustände zu erfahren, mit denen wir so niemals in Berührung gekommen wären; sie fördert eine universelle Wahrnehmung. Dementsprechend sind die zwei Wochen als Jurymitglied ein Umschauen, Entdecken und Anerkennen der Welt.

Problematik

Die einzige Schwierigkeit, die sich dabei stellt: Wie findet man unter fünf individuellen Menschen, zwanzig verleihfreien und individuellen Produktionen einen Film, der in unserer strapazierten Gesäßmuskulatur das Verlangen eines "Nachsitzens" hervorruft? (David Avazzadeh, derStandard.at, 27.10.2014)

Zur Person:

David Avazzadeh freut sich jedes Jahr auf die Viennale. Dieses Jahr aus gegebenem Anlass ganz besonders. Nicht nur, weil er Filme innerhalb seiner Interessengebiete sehen kann, sondern auch, weil er im Rahmen der Jurytätigkeit Filme sehen darf, die sonst an ihm zur Gänze vorübergezogen wären. Auf "20,000 Days on Earth", "Pasolini" und "Whiplash" ist er besonders gespannt.

zum Weiterlesen:

Authentizität hat in Wien Tradition

  • Ein dichtes Programm.
    foto: david avazzadeh

    Ein dichtes Programm.

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