Politische Sprache und der Verlust der Wahrheit

Kolumne26. Oktober 2014, 16:45
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Die Sprachverbiegungen und Fälschungen fallen in der Politik gar nicht mehr so stark auf

So weit hat es die Politik schon gebracht, dass ein Wissenschafter bei einer Wissenschaftstagung auf dem Semmering sagen konnte: "Die Wahrheit braucht in der Politik keine Rolle zu spielen." Er hatte gemeint, wie er sich später ausdrückte, dass Mehrheiten eine größere Rolle spielten als Wahrheiten (im Sinne von Tatsachen).

Der Satz ist allemal gefährlich, weil er dazu führen könnte, dem Populismus eine Generalvollmacht auszustellen. In dem Sinne von: Alles ist erlaubt, was zu Wahlsiegen führt. Das hieße: Fakten im Sinne von Umfrageergebnissen zu manipulieren, unangenehme Befunde bei politischen Aussagen zu vermeiden. Der alte Spruch, "den Leuten reinen Wein einzuschenken", ist in der Propagandawelt der sogenannten Spindoktoren eine Sünde.

Wer in den letzten Tagen die Nachrichten verfolgte, konnte wieder einmal die immer öfter geübte Praxis verfolgen, fragwürdige Beschlüsse als "Durchbruch" plakatiert zu bekommen und Absichtserklärungen als verpflichtende Tatsachen. Beispiel 1: Noch-EU-Ratspräsident Van Rompuy war ganz euphorisiert, dass man die "eben beschlossenen Klimaziele" im Jahr 2030 realisiert haben werde. Und Beispiel 2: Am Samstag verkaufte uns der österreichische Finanzminister das Versprechen, 2016 werde es kein Budgetdefizit geben. Aber das ist ja das Erstaunliche an vielen Politikern, dass sie glauben, was sie gerade sagen oder versprechen. Im Sinne der zweiten Bedeutung des Wortes: wie sie sich unabsichtlich ständig versprechen.

Hat diese Sprache noch etwas mit Wahrheit zu tun? Besteht irgendein Zusammenhang zwischen diesen Aussagen und der (oft gleichzeitig proklamierten) Gewissheit, dass sie irgendwann auch realisiert werden?

Natürlich ist nicht zu vergessen, dass politische Sprache immer schon der Theatralik näher war als dem Vortrag an einer Volkshochschule. Und dem Biertisch gemäßer als dem Café-Plausch, seit es das allgemeine und geheime Wahlrecht gibt.

Permanente Manipulation

Relativ neu sind die durchgeplanten Versuche einer permanenten Manipulation der Öffentlichkeit. Sie haben die Lüge zur täglichen Praxis gemacht und Halbwahrheiten in netter Verpackung zu Leckerbissen. Das politische System ist heute mehr denn je abgehoben von jeglicher Wahrheitssuche und deshalb auch von jeglichem Bemühen um Objektivität.

Weil diese Sprachverbiegungen und Fälschungen längst in andere Bereiche vorgedrungen sind, fallen sie in der Politik gar nicht mehr so stark auf. Ein Beispiel ist die (vom Philosophen Konrad Paul Liessmann scharf kritisierte) Ökonomisierung unserer Sprache - garniert mit Fremdwörter britisch-amerikanischer Herkunft. "Das Humankapital wird in Kick-off-Meetings proaktiv und ergebnisorientiert motiviert."

Aus solchen Sätzen spricht der weltanschauliche Hintergrund der Sprachveränderungen. Wir alle sind das "Humankapital", das es zu steuern und vor sich herzutreiben gilt.

Die Wahrheit ist längst zum Spielball geworden. Gut, dass es in den Social Media und in den Protestbewegungen Widerstand gibt. Dazu gehört auch Kontrolle durch Medien. (GERFRIED SPERL, DER STANDARD, 27.10.2014)

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