Wintertourismus bangt um reiche Russen

Analyse27. Oktober 2014, 05:30
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Der Start in den Wintertourismus hat geklappt. Reiseveranstalter beklagen aber Einbußen bei russischen Gästen

Sölden - Kommen sie oder kommen sie nicht? Wenige andere Fragen beschäftigen die Touristiker von Wien bis hinter den Arlberg derzeit mehr als diese. Gemeint sind Gäste aus Russland, die in den vergangenen Jahren immer zahlreicher ihren Winterurlaub in Österreich verbracht haben: Sie ließen im Schnitt deutlich mehr Geld als Gäste aus anderen Ländern zurück, stiegen sie doch vorzugsweise in der gehobenen Hotellerie ab und sparten bei Nebenausgaben wenig. Dass dies zumindest heuer anders sein könnte, ist eine Befürchtung, die bei vielen für ein maues Magengefühl sorgt.

Grund ist die Weltpolitik und der auf kurze Sicht kaum lösbare Konflikt zwischen den ehemaligen Bruderstaaten Russland und Ukraine. Im Gefolge der EU- und US-Sanktionen gegen Russland wegen Präsident Wladimir Putins Griff nach der Krim, dem Krieg in der Ostukraine und dem Ölpreisverfall steht die russische Wirtschaft schwer unter Druck.

Der Rubel hat seit März gut ein Fünftel an Wert eingebüßt, für russische Staatsbürger hat sich in der Folge der Urlaub in Euroland von einem Jahr aufs andere um mindestens 20 Prozent verteuert. Während ganz reiche Russen das wegstecken, kann das die zuletzt stark gewachsene Mittelschicht eher nicht. Gerade Letztere schien aber auf Österreich abonniert.

"Keine Illusionen"

"Wir werden sicher Einbußen bei russischen Gästen haben. Da machen wir uns keine Illusionen." Carmen Fender vom Ötztal Tourismus spricht aus, was viele in der Branche denken. Beim Weltcup-Auftakt in Sölden, der traditionell offizieller Start in den Tourismuswinter ist, war (fast) alles da, was Rang und Namen hat. Zehntausende sind Samstag und Sonntag auf den Rettenbachferner oberhalb der Ötztaler Gemeinde gepilgert, um ihre Lieblinge mit Kuhglocken anzufeuern. Für Sölden hat sich der Aufwand fürs Erste gelohnt, zumal auch der Wettergott mitgespielt und zumindest am Sonntag himmelblaue Fernsehbilder mit kitschig-romantischer Schneelandschaft zugelassen hat.

Russische Fans waren keine da, obwohl Sölden neben Wien, Mayrhofen und Ischgl ein Magnet für russische Touristen ist. Das sagt aber nichts. Erstens fahren keine Russen im Skizirkus um Medaillen mit, die Landsleute anfeuern könnten. Zweitens ist es noch zu früh in der Saison. Hauptreisezeit der Russen im Winter sind die ersten zwei Jännerwochen.

Die Reiseveranstalter jedenfalls beklagen jetzt schon Einbrüche, einige mussten sogar Konkurs anmelden. Für Petra Stolba, Chefin der Österreich Werbung (ÖW), ist das noch kein Alarmzeichen. Die Russen seien reiseerfahrener geworden, 60 Prozent machten sich allein auf den Weg, ohne bei einem Veranstalter zu buchen. "Da ist noch einiges drin", meint sie. Den russischen Gästeanteil angesichts der widrigen Rahmenbedingungen zu halten wäre freilich "eine Sensation".

Superreiche in Ischgl

Im vorigen Winter wurden fast 300.000 Ankünfte russischer Gäste in Österreich (1,8 Prozent Gesamtanteil) gezählt bei knapp 1,4 Millionen Nächtigungen (Anteil: 2,1 Prozent). In manchen Destinationen lag er deutlich darüber, in Sölden bei zehn Prozent. Dort sind russische Gäste hinter Urlaubern aus Deutschland und Benelux die drittstärkste Gruppe. Ischgl wird nach allgemeinem Dafürhalten den Russland-Effekt am wenigsten spüren. Während Sölden und Mayrhofen im Zillertal überwiegend gut situierte Familien aus Russland anziehen, hat die Tourismushochburg im Paznauntal einen hohen Anteil Superreicher aus Moskau, St. Petersburg und der Wolga-Region als Stammgäste. Die sind weniger preissensibel.

Die Seilbahnen jedenfalls sind gut gerüstet. Neuerlich wurden mehr als 500 Millionen Euro in Lifte, Beschneiungsanlagen und Sicherheitsvorkehrungen investiert - seit 2000 insgesamt sieben Milliarden. Und die Investitionen gehen weiter. Ausbau von WLAN ist das eine, "Emotionalisierung des Berges - sprich: Inszenierung des Bergerlebnisses - das andere.

Postings von der Piste

Sölden versucht sich als Vorreiter und startet mit dem sogenannten "Adrenalin Cup", einer multisportiven Erlebniswelt. Gäste können sich gegen einen Skipass-Aufpreis von fünf Euro in diversen Disziplinen versuchen, werden gefilmt, können posten und, und, und. "Das ist die Zukunft", meint Jakob Falkner, Miteigentümer der Bergbahnen und einer der Chefingenieure der Söldener Geldmaschine, wie ihn die ZEIT einmal tituliert hat. Für Söldener Verhältnisse sind die Investitionskosten bescheiden: fast eine Mio. Euro.

Die Hoffnungen liegen heuer wieder einmal auf den deutschen Gästen, und das nicht nur in Sölden. Unterfüttert werden sie durch die wirtschaftlich gute Lage im Nachbarland, eine vergleichsweise niedrige Arbeitslosigkeit sowie geografische Nähe. Fragezeichen bleibt das Wetter. Weil Buchungen immer kurzfristiger erfolgen, ist es spielentscheidend, ob der Wochenendausblick gut oder schlecht ist. Zumindest hinsichtlich Schnee sollte es heuer gut laufen. ÖW-Chefin Stolba bemüht eine alte Bauernregel: "Ist St. Lukas mild und warm, kommt ein Winter, dass Gott erbarm." Lostag war der 18. Oktober. Da war es ganz schön mild. (Günther Strobl, DER STANDARD, 27.10.2014

Die Reise erfolgte auf Einladung der Österreich Werbung und des Fachverbands der Seilbahnen.

  • Österreich ließ sich heuer neue Lifte, Beschneiungsanlagen und Sicherheitsvorkehrungen mehr als 500 Millionen Euro kosten. Ob es sich rentiert, entscheidet nicht zuletzt das Wetter, denn gebucht wird immer kurzfristiger.
    foto: apa/barbara gindl

    Österreich ließ sich heuer neue Lifte, Beschneiungsanlagen und Sicherheitsvorkehrungen mehr als 500 Millionen Euro kosten. Ob es sich rentiert, entscheidet nicht zuletzt das Wetter, denn gebucht wird immer kurzfristiger.

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