Mehr als 800 Tote seit Beginn der Belagerung von Kobane

26. Oktober 2014, 16:00
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Syrische Menschenrechtler: 480 IS-Angreifer getötet - Angriff auf Grenzposten abgewehrt

Kobane - Bei den Kämpfen um die nordsyrische Stadt Kobane sind nach Angaben von Menschenrechtlern mehr als 800 Menschen ums Leben gekommen. Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte starben während der vergangenen 40 Tage mindestens 481 Angreifer der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) und 302 Verteidiger der kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG).

Des weiteren seien elf YPG-Unterstützer und 21 Zivilisten getötet worden. Die IS-Extremisten hatten im September ihren Vormarsch auf die an der Grenze zur Türkei gelegenen Stadt begonnen. Seit dem 16. September belagern die Extremisten Kobane.

IS-Kämpfer haben nach Angaben der Verteidiger von Kobane vergeblich versucht, die Kontrollstelle zur Türkei einzunehmen. Ein Angriff in der Nacht auf Sonntag sei zurückgeschlagen worden, erklärten ein Kurdenvertreter und die Beobachtungsstelle.

Die IS habe Verstärkungen herangebracht, in der kommenden Nacht sei mit einem weiteren Angriff zu rechnen. Unterstützt werden die IS-Gegner aus der Luft von den USA und deren Verbündeten. Nach Angaben des US Central Command wurden am Sonntag fünf Angriffe gegen IS-Ziele bei Kobane geflogen.

Ein Verlust des Grenzkontrollpostens wäre für die Verteidiger und die verbliebenen Bewohner Kobanes ein herber Schlag. Für sie ist der Grenzposten der einzige offizielle Weg in die Türkei, die zugesagt hat, über ihr Gebiet Kämpfer der irakischen Kurden nach Kobane zu lassen.

Fortschritte im Irak

Unterstützt durch Luftschläge der internationalen Koalition haben Kurden auch im Irak am Samstag im Kampf gegen die IS nach eigenen Angaben Boden gutgemacht. Im Nordirak hätten kurdische Peschmerga-Kämpfer nahe Mossul die strategisch wichtige Stadt Sumar sowie umliegende Dörfer wieder unter ihre Kontrolle gebracht, berichtete ein Kurdenvertreter.

Das US-Militär und Verbündete flogen laut dem US-Zentralkommando in Tampa (Florida) am Freitag und Samstag einen weiteren Schlag gegen den IS nahe Kobane. 22 neue Luftangriffe gab es demnach zugleich im Irak, die meisten davon nahe dem Mossul-Damm. Die Talsperre ist seit langem umkämpft. Ein Zusammenbruch des ohnehin maroden Dammes könnte Flutwellen von 20 Metern Höhe zur Folge haben, die die Kraft hätten, große Teile der Millionenstadt Mossul mitzureißen.

Die Peschmerga-Truppen würden den IS in der Region Mossul weiter angreifen, sagte der Kurdenvertreter. Sein Bericht über die Rückeroberung der Stadt Sumar wurde der irakischen Nachrichtenseite Al-Sumaria News auch von einem Peschmerga-Kommandant bestätigt.

Peschmerga zum Abmarsch bereit

Im Nordirak erklärte die kurdischen Peschmerga-Miliz, sie stünde zum Abmarsch nach Kobane bereit und warte auf Grünes Licht aus der Türkei. Die Peschmerga würden sich in Kobane aber nicht in direkte Gefechte mit dem IS einlassen, sondern den syrischen Kurden Artillerie-Rückendeckung geben, sagte der Sprecher der kurdischen Regionalregierung der Nachrichtenagentur Reuters.

Auch etwa 1.300 Kämpfer der Rebellengruppe "Freie Syrische Armee" (FSA) wollen sich den Kurden in Kobane anschließen. Am Freitag gaben die oppositionellen FSA-Kämpfer aus der Provinz Aleppo die Entscheidung zur Entsendung von Einheiten bekannt - zu denen auch gemäßigte islamistische Gruppen gehören. Kurdische YPG-Vertreter haben die syrischen Rebellentruppen aber gebeten, nicht über türkisches Territorium nach Kobane zu kommen, sondern die Jihadisten von syrischem Gebiet aus anzugreifen.

Rotes Kreuz verhandelt mit IS

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) gab unterdessen bekannt, mit IS über den Zugang zu bestimmten Krisenorten zu verhandeln. Darunter sind Raqa im Osten Syriens sowie die Städte Mosul und Falluja im Nordosten und Westen des Irak.

IKRK-Präsident Peter Maurer ist überzeugt, dass ein humanitärer Einsatz nur durch einen Dialog mit allen Parteien des Konfliktes möglich wird. "Der IS ist keine Organisation mit einer klar festgelegten Führung mit einer Türe, an die man klopfen kann", sagte der Schweizer in einem Interview in der Sonntagsausgabe der französischen Tageszeitung "Le Monde".

"Im Irak und in Syrien laufen die Verhandlungen teilweise über Volksstämme, die uns zu Unterhändlern führen, welche als Vertreter des IS gelten", führte Maurer aus. Diese Vorgehensweise sei nötig, um die humanitären Bedürfnisse in den vom Krieg heimgesuchten Städten und Provinzen zu evaluieren und um dann schließlich einen "Zugang" aushandeln zu können.

Brutale Misshandlungen

Die IS soll laut einem Bericht der "New York Times" ihre Geiseln auf brutale Weise misshandelt haben. Dem Bericht zufolge gehören Scheinexekutionen und Folter zum Repertoire der Jihadisten. Die Zeitung beruft sich unter anderem auf fünf ehemalige Geiseln, die sich mit dem im August ermordeten US-Journalisten James Foley eine Zelle teilen mussten.

Insgesamt befanden sich demnach mindestens 23 westliche Geiseln aus zwölf Ländern in der Gewalt des IS. Dabei hätten "unterschiedliche Reisepässe unterschiedliche Schicksale bedeutet": Andere europäische Geiseln seien nach Lösegeldzahlungen ihrer Regierungen frei gekommen - britische und US-amerikanische Gefangene hingegen wurden enthauptet oder befinden sich noch in Gewalt des IS.

Sechs Soldaten im Libanon getötet

Der syrische Bürgerkrieg verschlechtert inzwischen auch die Lage im Libanon immer weiter. Bei heftigen Kämpfen zwischen der Armee und radikal-islamischen Bewaffneten in Tripoli starben sechs Soldaten, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur NNA. Außerdem starben ein bewaffneter Islamist und ein zwischen die Fronten geratener Zivilist, wie ein Sicherheitsbeamter mitteilte. Unter den mehr als 20 Verletzten war auch ein libanesischer Journalist. (APA, 26.10.2014)

  • Kurdische Truppen beobachten Kobane nahe der türkisch-syrischen Grenze.
    foto: reuters7pfaffenbach

    Kurdische Truppen beobachten Kobane nahe der türkisch-syrischen Grenze.

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