Denkmal für Wehrmachtsdeserteure: Anfang, nicht Ende

Kommentar24. Oktober 2014, 18:00
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Die Initiative für das Denkmal ging nicht von der Politik aus, sondern von Studierenden der Uni Wien

Der Dichter H. C. Artmann wollte nach dem Zweiten Weltkrieg bei der Post arbeiten. Er hatte keine Chance. Er gelte als "vorbestraft", hieß es. Richard Wadani, ebenfalls aus der Wehrmacht geflohen, kehrte in britischer Uniform als Befreier in seine Heimat zurück. Am Arbeitsamt interessierte damals, im Jahr 1946, nur eines: Wie er dazukomme, in einer fremden Armee zu dienen!

Wadani ist heute 92 Jahre alt - einer der letzten noch lebenden Zeugen des Umgangs Österreich mit Deserteuren.

Das Denkmal für Wehrmachtsdeserteure, das am Freitag in Wien eingeweiht wurde, ist das für jeden sichtbare Symbol einer Anerkennung, die auf rechtlichem Gebiet mit dem Rehabilitierungs- und Aufhebungsgesetz pauschal vor fünf Jahren vollzogen worden war. Wie so oft hat es sehr lange gedauert. Es braucht vor allem den Faktor Zeit, um historische Klarstellungen in Österreich zu erreichen.

Jahrzehntelang ist nichts geschehen, wurden Begehren abgeschmettert, die Betroffenen ignoriert, ausgegrenzt. Dabei verdient es Respekt gegenüber jenen Menschen, die sich einem falschen Soldatentum entzogen, die Widerstand geleistet haben - und ihr Leben riskierten. Die NS-Militärjustiz hatte eine blutige Spur gezogen: Ungefähr 30.000 Todesurteile wurden insgesamt verhängt, zwei Drittel davon auch vollstreckt. Unter den Opfern dieser NS-Maschinerie waren etwa 1500 Österreicher.

Das offizielle Österreich hat mit dem Denkmal auf dem Wiener Ballhausplatz einen würdigen Gedenkort gefunden. Das verdient Lob. Bevor sich aber zu viele auf die Schultern klopfen, sei bei all den Politiker-Reden eines nicht vergessen: Die Initiative für das Denkmal ging nicht von der Politik aus. Es waren Studierende der Uni Wien, die Ende der 1990er-Jahre begonnen hatten, das Schweigen zu durchbrechen und sich im "Personenkomitee für die Opfer der NS-Militärjustiz" organisierten.

Das steinerne "X" am Ballhausplatz als Schlusspunkt einer Debatte zu sehen wäre fatal. Versinnbildlichen kann das ein kurzer Spaziergang vom Mahnmal hinüber zum Justizministerium. Im Ministerium hängt nach wie vor ein Bildnis vom sozialdemokratischen Justizminister Otto Tschadek. Akten belegen, dass dieser ab 1941 als Marinerichter am Nazi-Gericht in Kiel zumindest vier Soldaten zum Tode verurteilt hat. Ein "Blutrichter" ziert die Wand in einem Regierungsgebäude. Das Denkmal am Ballhausplatz ist wohl nur der Anfang.(Peter Mayr, DER STANDARD, 25.10.2014)

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