Pilot in den vier eigenen Strohwänden

24. Oktober 2014, 17:26
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Die Heimat Österreich übergibt in wenigen Wochen ein kleines Wohnhaus aus Beton, Holz und Stroh. Es bindet mehr CO2, als es emittiert

Salzburg - Ein kurzer Blick nur, und man wähnt sich nicht an der Salzach, sondern irgendwo in Schweden. Das liegt zum einen an den horizontalen Holzlatten an der Fassade, zum anderen an der unverwechselbaren Fassadenfarbe, dem sogenannten Falunrot, dessen Pigmente ursprünglich als Abfallstoff aus dem Kupferbergbau gewonnen wurden. Doch der Clou des kleinen Wohnhauses der Salzburger Architekten Hans und Georg Scheicher ist ein ganz anderer, denn die zwölf Wohneinheiten, die kommenden November übergeben werden, sind als Zero-Carbon-Building konzipiert.

100 Jahre klimaneutral

"'Zero Carbon' bedeutet, dass das Haus auf eine Lebensdauer von 100 Jahren absolut klimaneutral sein wird", sagt Stephan Gröger, Geschäftsführer des Wohnbauträgers Heimat Österreich, und erklärt: "Das Holz des Hauses bindet so viel Kohlendioxyd, dass dies die Summe aller CO2-Emissionen übertrifft, die aufgrund von Gebäudeherstellung und Beheizung über eine rechnerische Dauer von hundert Jahren anfallen werden."

Zu verdanken ist das nicht nur der Passivhausqualität, sondern vor allem dem ungewöhnlichen Materialeinsatz. Bis auf Stiegenhaus und Sanitärzeile, die massiv betoniert sind und die zum Teil mit einer Betonkernaktivierung ausgestattet wurden, besteht die Konstruktion des Hauses aus Holz und diversen Holzwerkstoffen wie etwa Kreuzlagenholz (KLH). Insgesamt sind in den nachwachsenden Rohstoffen dieses Gebäudes rund 220 Tonnen CO2 gebunden.

Hinzu kommt, dass die Wohnungsinnenwände aus gepresstem Stroh bestehen. "Bei Stroh würde man zuallererst vermuten, dass das Material sehr schlechte Schalldämmeigenschaften hat", sagt der Architekt und Projektleiter Georg Scheicher. "Doch das Gegenteil ist der Fall. Das Stroh ist so dicht verpresst, dass die Wand um ein Vielfaches schwerer und auch akustisch tüchtiger ist als eine herkömmliche Gipskartonwand." Die im Wohnbau geforderten Schallschutzwerte habe man bei weitem übertroffen, so Scheicher.

Experimentelle Bauweisen

Das so schwedisch anmutende Wohnhaus in Salzburg-Niederalm ist eine Art Fortsetzung des 2005 in Böheimkirchen errichteten S-House, das Scheicher in Zusammenarbeit mit der Gruppe Angepasste Technologie (Grat) geplant hatte. Da wie dort ging es um das ambitionierte Ziel, die gängige Baupraxis zu verlassen und neue Bauweisen und Materialeinsätze auszuprobieren. Wie auch schon beim S-House, soll das falunrote Wohnhaus über einige Jahre hinweg technisch begleitet und schließlich evaluiert werden, wie die Heimat Österreich versichert.

Das technische Monitoring obliegt der Energie-Control Austria. Das Unternehmen hat das Wohnhaus mit diversen Sensoren ausgestattet, die alle drei Sekunden Temperatur, Luftfeuchtigkeit, CO2-Gehalt sowie Messwerte der Luft-Wärme-Pumpe und der Fotovoltaikanlage auf dem Dach an eine Zentrale übermittelt, in der die Daten ausgewertet werden.

"Das ist ein Pilotprojekt", sagt Heimat-Österreich-Chef Gröger. "Jetzt wird es darum gehen, die Erkenntnisse dieses Projekts in weitere Bauvorhaben einfließen zu lassen und es auf diese Weise serientauglich zu machen. Für mich ist das ein Beitrag, wie die Zukunft des Wohnens aussehen kann." (Wojciech Czaja, DER STANDARD, 22.10.2014)

  • Ein falunrotes  Wohnhaus mit schwedischer Anmutung in Anif bei Salzburg - und völlig  CO2-neutral.
    bild: arch. schleicher

    Ein falunrotes Wohnhaus mit schwedischer Anmutung in Anif bei Salzburg - und völlig CO2-neutral.

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