"Macht Erfolg süchtig, ist er nicht mehr gut"

Interview24. Oktober 2014, 17:18
18 Postings

Elisabeth Görgl ist quasi die Doyenne der österreichischen Skifahrt. Zum Saisonstart sprach sie über den inneren Schweinehund, die Schönheit der Linie und die Intensität des Lebens.

Standard: 14,5 Jahre Weltcup und kein bisschen müde?

Görgl: Ja, scheint so. Ich fühle mich fit, habe im Sommer gut trainiert und freue mich, dass es wieder losgeht.

Standard: Sind Sie noch nervös, wenn Sie im Starthaus stehen?

Görgl: Nervosität kenne ich gar nicht so richtig. Ein gewisses Kribbeln ist schon da, vielleicht nicht unbedingt vor dem Start, aber am Vorabend oder auch in der Früh. Da spüre ich eine gewisse Anspannung. Und das ist auch gut so, weil man so auch noch mehr Kräfte mobilisiert und hellwach wird.

Standard: Wie leicht fällt es Ihnen, in puncto Lebensstil diszipliniert zu sein?

Görgl: Für mich ist wichtig, dass ich mich körperlich wohlfühle und mit mir im Reinen bin. Und daher fällt es mir leicht, etwas Gesundes zu essen und auch zu vernünftigen Zeiten ins Bett zu gehen. Aber es gibt auch Momente, in denen ich in die Disco gehe, weil ich gerne tanze. Mein Rezept ist viel tanzen, weil da schwitzt man alles wieder raus. Ich mag das berauschte Gefühl nicht, ich will alles bewusst wahrnehmen. Mein Leben ist so ausgefüllt, dass ich froh bin, wenn ich am Abend meine Ruhe habe.

Standard: Trainieren Sie für gewöhnlich mit dem ÖSV, oder setzen Sie auf individuelle Vorbereitung?

Görgl: Das Programm ist individuell auf mich abgestimmt. Ich absolviere die Konditionskurse in der Vorbereitungszeit, aber ich trainiere auch im Olympiazentrum Innsbruck. Zusätzlich habe ich noch eine Trainerin. Alles wird mit ihr, dem ÖSV und dem Olympiazentrum koordiniert.

Standard: Wie läuft normalerweise das Konditionstraining ab?

Görgl: Ich trainiere viel in der Kraftkammer, dort mache ich neben Ausdauer und Intervalltraining, was auch gut am Berg, mit dem Rad oder Inlineskates zu machen ist, auch Rumpfkräftigung und Leichtathletikelemente. Ich habe mir über die Jahre eine gute körperliche Basis geschaffen. Konditionstraining ist sehr wichtig, ebenso Ruhephasen zur Regeneration, Urlaub, viel Schlaf und gute Ernährung.

Standard: Yoga, Thaiboxen und Windsurfen machen Sie als Ausgleich. Oder doch zu Trainingszwecken?

Görgl: Heuer war es mehr Ausgleich. Grundsätzlich ist es aber ein sehr gutes Training. Yoga habe ich in meinem Trainingsplan inkludiert. Thaiboxen habe ich die letzten Jahren vernachlässigt. Dafür ist Windsurfen dazugekommen. Dabei hole ich mir auch sehr viel Energie.

Standard: Gibt's manchmal Probleme mit der Motivation, wenn zum Beispiel die Kraftkammer ruft?

Görgl: Das kenne ich schon auch, es gibt Momente, in denen ich platt bin und feststelle, dass es nicht geht. Ein Grund kann aber auch der innere Schweinehund sein, der sagt, 'Ich mag heute nicht'. Wenn ich vollfit bin, dann ziehe ich das durch, ich habe die nötige Härte zu mir selbst.

Standard: Machen Erfolge süchtig nach mehr Erfolgen?

Görgl: Erfolg ist etwas sehr Schönes, aber wenn er süchtig macht, ist er nicht mehr gut. Ich überlege viel, um immer wieder auf den Boden der Realität zu kommen. Mir taugt es, wenn ich einen richtig guten Laufe habe. Wenn ich dann noch bei den Schnellsten dabei bin, ist es umso schöner. Aber allein die Fahrt und das Gefühl beim Fahren, das fasziniert und motiviert mich. Cool ist, wenn man mit viel Mut eine riskante Linie wählt, sich an der Grenze bewegt und sieht, was möglich ist.

Standard: Leistungssport wird oftmals mit Raubbau am eigenen Körper verbunden. Lernt man als Spitzenathletin, mit Schmerzen zu leben?

Görgl: Wenn ich Schmerzen habe, hinterfrage ich, warum ich sie habe und wie sie einzuschätzen sind. Ist es etwas Tragisches, oder sind es blaue Flecken, die wir eh jeden Tag haben. Man kann sehr viele Dinge schaffen, auch wenn die Grundvoraussetzungen nicht ideal sind. Ich habe mir in jüngeren Jahren dreimal das Kreuzband gerissen, aber ich habe es trotzdem geschafft. Man muss haushalten und nicht um jeden Preis Raubbau betreiben.

Standard: Skifahren wird mehr und mehr zum Luxus. Winterurlaube sind für viele Familien nicht mehr leistbar. Wie sehen Sie das?

Görgl: Ich finde es schade, weil es so ein schöner Sport ist, der für alle möglich sein sollte. Der Ausbau der Skigebiete kann keine Lösung sein. Eine bessere Auslastung und günstigere Preise wären wünschenswert. Es muss nicht immer höher, schneller, weiter sein. Wir sollten mit dem zufrieden sein, was wir haben.

Standard: Denken Sie manchmal über das Leben nach der Karriere nach?

Görgl: Wenn man älter wird, macht man sich Gedanken. Jetzt bin ich aber zu 100 Prozent dabei, genieße es und bin sehr dankbar für die Momente, die ich erleben darf. Es ist ein intensives Leben.

Standard: Werden Sie noch einmal in der Öffentlichkeit als Sängerin auftreten, wie Sie es bei der WM in Garmisch getan haben?

Görgl: Wenn die Plattform passt, sicher. Es macht mir wirklich Riesenspaß. Wenn ich auf der Bühne stehe, ist auch mein Herz dabei.

Standard: Die Ziele für die Saison?

Görgl: Ich sage jedes Jahr das Gleiche. Wie fad ist das? Aber ich sage es so, wie es für mich ist. Jedes Rennen ist wichtig. Ich will mich weiterentwickeln und im Weltcup vorne mitmischen. (Thomas Hirner aus Sölden, DER STANDARD, 25.10.2014)

Elisabeth GÖRGL (33), geboren in Bruck/Mur, stand in allen Disziplinen auf dem Podest und feierte sechs Rennsiege. Nur Erfolge in Slalom und Kombi fehlen. In Garmisch-Partenkirchen war sie 2011 Doppelweltmeisterin (Super G, Abfahrt).

  • Elisabeth Görgl hat auch nach 326 Rennen im alpinen Skiweltcup ihre gewohnten Prioritäten. Der Steirerin ist jedes Rennen wichtig, sie will sich weiterentwickeln und vorne mitmischen.
    apa/expa/johann groder

    Elisabeth Görgl hat auch nach 326 Rennen im alpinen Skiweltcup ihre gewohnten Prioritäten. Der Steirerin ist jedes Rennen wichtig, sie will sich weiterentwickeln und vorne mitmischen.

Share if you care.