Die bewachten Mütter von Mogilev: Ein Besuch im ersten Frauenhaus des Landes

Reportage26. Oktober 2014, 12:00
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Rund 80 Prozent der Frauen in Weißrussland erleben laut Schätzungen häusliche Gewalt

Maria N.s* schlanker Hals ragt aus einem dicken Webpelzgilet. Glattgeföhnte Haare fallen auf die flauschige Weste. Die 25-Jährige bewegt ihre Lippen kaum, wenn sie spricht. "Mein Freund hat mich nach fünf Jahren Beziehung aus der Wohnung geworfen - weil ich schwanger war" , erzählt sie. "Ich bin zu meinem Großvater und meinem Onkel gezogen." Beide Männer tranken. Eines Tages, zwei Wochen nach der Geburt der Tochter, habe der Onkel versucht, seine Nichte im Rausch mit einem Messer zu attackieren. Ein Arzt erkannte Maria N.s Notlage und nannte ihr einen Zufluchtsort. Seit einem Jahr lebt sie dort.

Es ist ein SOS Kinderdorf am Rande der Stadt Mogilev, der mit 370.000 Einwohnern drittgrößten Stadt Weißrusslands, keine 80 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Auf dem Areal, das videoüberwacht und von einem Sicherheitsdienst betreut wird, dienen zwei Häuser als Unterschlupf für Mütter, die vor Gewalt flohen oder sich in anderen akuten Krisen befinden. Eine Sozialarbeiterin und eine Sozialpädagogin kümmern sich um die Frauen in Not.

In weiteren elf Gebäuden leben "klassische" SOS-Kinderdorf-Familien. In einem Krisenzentrum finden jeden Monat zusätzlich rund 220 Kinder beziehungsweise ihre Eltern beratend Unterstützung. Finanzielle Mittel für die Arbeit dort stammen aus EU-Fördertöpfen, von der Agentur der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (ADA) und SOS Kinderdorf Österreich.

34 Wegweisungen seit April

Schätzungen zufolge sind 80 Prozent der Frauen in Weißrussland in ihrem Leben von häuslicher Gewalt betroffen, besonders in armen Familien. Die Problematik entwickelt sich erst langsam zu einem öffentlichen Thema. Nach Lobbyarbeit von NGOs seit rund sieben Jahren wurde im April 2014 ein Gesetz erlassen, das die Wegweisung von Gewalttätern für bis zu 30 Tage ermöglicht. 34-mal soll es in dem 9,5-Millionen-Einwohner-Staat bisher angewendet worden sein. Zum Vergleich: In Österreich gab es 2013 mehr als 8000 Wegweisungen. Der weißrussische Staat hat inzwischen auch einige tagsüber aufsuchbare Krisenräume eingerichtet.

Alkoholprobleme spielen bei den Konflikten häufig eine Rolle, wobei die offizielle Arbeitslosenrate des Landes mit nur einem Prozent beziffert wird. In Maria N.s Familie gab es kaum jemanden, der nicht dem Alkohol verfallen war. Der Vater trank und verließ die Familie. Dann griff auch die Mutter zur Flasche. Maria wuchs bei den Großeltern auf. Der Alkohol war es auch, der die Beziehung zwischen Maria und ihrer Schwester vergiftete. Sie selbst trinke keinen Tropfen und meide Betrunkene, wie sie sagt.

Kampagnen zur Bewusstseinsbildung

Tatjana Burovas Kindheit war eine ganz andere. Sie habe lange geglaubt, dass die gute Beziehung ihrer Eltern und der liebevolle Umgang mit ihr in den meisten Familien Realität sei, sagt die pädagogische Leiterin von SOS Kinderdorf Belarus. Im Laufe ihrer inzwischen 14-jährigen Arbeit bei der Hilfsorganisation habe sie erkannt, wie viel Glück sie hatte - und wie wichtig Bewusstseinsbildung ist. Der NGO gelang es, Mittel der ADA und der EU für Medienkampagnen über häusliche Gewalt zu lukrieren. Die EU verfolgt mit Mittelvergaben wie dieser das Ziel, die Zivilgesellschaft zu stärken. Mehrere TV-Spots, die seit 2012 für den Raum Mogilev produziert wurden, laufen regelmäßig im Fernsehen. Auch einen Frauennotruf gibt es.

Vieles haben sich Burova und ihre Kolleginnen und Kollegen von den Österreichischen Frauenhäusern abgeschaut. In Österreich gibt es 30 Frauenhäuser mit 749 Plätzen. Maria Rösslhumer vom Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser und dem Netzwerk Wave (Women Against Violence Europe) besuchte vor sieben Jahren Mogilev, mit dem Ziel, dort die Voraussetzungen für eine solche Einrichtung zu schaffen. Nun zeigt sie sich "beeindruckt von der Arbeit der letzten Jahre".

Geteilter Wohnraum

Im Frauenhaus in Mogilev überblickt ein im Regal lümmelnder Plüschhase den Wohnraum, den Maria N. mit einer Mutter und deren zwei Kindern teilt. Maria öffnet die Tür zum Schlafzimmer, in das durch rote Vorhänge dumpf das Herbstlicht fällt. Im Gitterbett liegt die eineinhalbjährige Elena* und blinzelt. Maria N. sagt, sie wisse noch nicht, wie es weitergehen soll. Das letzte Jahr habe sie gebraucht, um sich zu sammeln. Doch so langsam wolle sie Pläne machen. Sie hebt ihre Tochter hoch und küsst sie auf die Stirn. Ein vom Schlaf noch leicht verdrücktes Gesicht strahlt. (REPORTAGE: Gudrun Springer aus Mogilev, DER STANDARD, 25.10.2014)

*Namen geändert

Die Reise nach Mogilev wurde mit EU- und ADA-Mitteln von SOS-Kinderdorf Österreich ermöglicht.

  • Von den Häusern des SOS Kinderdorfs in Mogilev, Weißrussland, dienen zwei Gebäude als Unterschlupf für von Gewalt und Krisen bedrohte Mütter.
    foto: gudrun springer

    Von den Häusern des SOS Kinderdorfs in Mogilev, Weißrussland, dienen zwei Gebäude als Unterschlupf für von Gewalt und Krisen bedrohte Mütter.

  • Maria N. und ihre eineinhalbjährige Tochter leben seit einem Jahr in dem Krisenzentrum. Zuhause waren sie nicht mehr sicher.
    foto: gudrun springer

    Maria N. und ihre eineinhalbjährige Tochter leben seit einem Jahr in dem Krisenzentrum. Zuhause waren sie nicht mehr sicher.

  • Das Wohnzimmer teilen sie nicht nur mit ein paar Stofftieren, sondern auch mit einer weiteren Mutter, die zwei Kinder hat.
    foto: gudrun springer

    Das Wohnzimmer teilen sie nicht nur mit ein paar Stofftieren, sondern auch mit einer weiteren Mutter, die zwei Kinder hat.

  • Tatjana Boruva arbeitet seit 14 Jahren für SOS Kinderdorf Belarus und ist die pädagogische Leiterin der NGO.
    foto: gudrun springer

    Tatjana Boruva arbeitet seit 14 Jahren für SOS Kinderdorf Belarus und ist die pädagogische Leiterin der NGO.

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