Orientalische Teppiche - begehbare Bodenschätze

24. Oktober 2014, 15:48
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Nicht nur Motten kennen ihren (Nähr-)Wert: Antike Teppiche geraten zunehmend in den Fokus von Sammlern

Wien - Teppiche können Stolperfallen sein. Wenn man sich nicht auskennt. Und zwar nicht mit dem rutschsicheren Untergrund, sondern mit ihrem geschichtlichen Hintergrund. Eine Erfahrung, die vor wenigen Jahren eine Dame aus dem süddeutschen Raum im Besonderen machen musste.

Weil sie in eine kleinere Wohnung umzog, bot sie einem Augsburger Auktionshaus unter anderem einen geerbten Orientteppich an. Der Universalversteigerer schätzte den staubig-verblichenen, 3,38×1,53 Meter messenden Bodenbelag mit schnellem Blick auf einen Angebotspreis von 900 Euro. Erstaunen und Freude waren bei der Verkäuferin gleichermaßen groß, als das Stück für 19.000 Euro schließlich unter den Hammer kam. Zunächst.

Ein halbes Jahr später erfuhr sie, dass offenbar ihr Teppich über Umwege ins Londoner Auktionshaus Christie's gelangt war, dort auf 350.000 Euro taxiert und nach einer heftigen Bieterschlacht für umgerechnet mehr als sieben Millionen Euro versteigert worden war. Der Zwischenbesitzer, Berichten zufolge ein Hamburger Teppichhändler, dürfte schon beim Kauf das Gespür gehabt haben, dass er sich damit keinen simplen Staubfänger schnappte.

Historischer Wert

Sondern einen sogenannten Vasenteppich aus der persischen Provinz Kerman aus dem 17. Jahrhundert. Die preisliche Spitze setzte jedoch der Umstand auf, dass der Läufer laut Christie's Expertise dereinst im Schlafzimmer der französischen Kunstmäzenin Comtesse de Béhague (1870-1939) gelegen sein dürfte.

Kuriose Funde, bei denen sich vermeintliche Flohmarktware als "Bodenschätze" entpuppen, gebe es immer wieder, sagt der Wiener Teppichspezialist Udo Langauer. Doch sie seien die große Ausnahme, bringt er derartige heimliche Hoffnungen auf den Boden der Tatsachen zurück. Ebenso wie die Erwartung mancher Erben, mit dem Verkauf von Omas Perser aus den 60er-Jahren einen Reibach machen zu können.

Älter als 100 Jahre

Denn lukrative Preise erzielen alte Teppiche aus dem Orient und anderer Provenienz nur, wenn sie eine Reihe von Kriterien erfüllen. Nur alt oder antik, also älter als 100 Jahre, macht sie nicht kostbar. "Teppiche aus dem Jahr 1914 sind zum Beispiel zu 80 Prozent nicht sonderlich wertvoll" , sagt Langauer. Feinheit, Knotendichte und Knüpfung spielten ebenso eine meist untergeordnete Rolle. Abgesehen vom guten Erhaltungszustand, seiner Ästhetik und Schönheit müsse das gute Stück auch in seiner Gruppe hervorstechen.

"Teppiche sind zum Kunstgegenstand aufgestiegen", schildert der Experte die Wertentwicklung von Sammlerstücken. "Nach oben gibt es fast keine Grenzen." Erst im Vorjahr wechselte bei Sotheby's in New York ein mehr als 360 Jahre alter "Clark-Sichelblatt-Teppich" zum Rekordpreis von 33,7 Mio. Dollar (damals etwa 25,7 Mio. Euro) den Besitzer.

Das außergewöhnliche Stück stammte aus dem Vermächtnis des US-Industriellen William A. Clark und wurde von der Corcoran Gallery of Art veräußert. Entstanden ist der 2,7×2,0 Meter große Teppich in "Vasen-Webtechnik" im goldenen Zeitalter der Weberei unter der Herrschaft Schah Abbas' I. (1587-1629) in Kerman, südöstliches Persien. Die Erwartungen dafür waren zwischen acht und zehn Millionen Dollar gelegen. Bei der Teppichauktion wurden für 25 Lose insgesamt 43,8 Millionen Dollar erzielt.

Neue Käuferschicht

Was für das große Interesse an dem begehbaren Bodenschmuck spricht, das in den vergangenen Jahren stark gewachsen sei, berichtet Langauer, der seit 30 Jahren in der Branche arbeitet: "Vor fünf bis sieben Jahren waren antike Teppiche noch fest in der westlichen Welt verankert, doch es kommen zunehmend neue Käuferschichten hinzu", sagt der Experte und denkt dabei an die aufstrebenden Mittelschichten in Volkswirtschaften wie China oder Indien.

Ein weiterer Trend: Viele Länder, in denen die Teppichherstellung eine kulturelle Tradition darstelle, begännen, gezielt antike Kunstwerke zurückzukaufen. Wie etwa Turkmenistan. Die durch Erdgas- und Erdölvorkommen reich gewordene ehemalige Sowjetrepublik habe großes Interesse, die im Land gewobenen und geknüpften Textilien aus früheren Jahrhunderten für ihre Museen zu erwerben. Auch China kaufe zunehmend eigene Kunst zurück. "Wenn der Markt hier richtig Fahrt aufnimmt, werden wir über die Preise lächeln, die wir heute zahlen", ist der Teppichspezialist überzeugt.

Die Käufer der Kunst, die man mit Füßen (be)treten kann, sind übrigens zu 99,5 Prozent männlich. Sammeln sei heute eine Männerangelegenheit, meint Langauer, was mehr als wahrscheinlich auch mit der allgemeinen Verteilung des finanziellen Potenzials auf dieser Welt zu tun hat.

Wer selbst einmal auf einem eigenen antiken Kunstwerk aus Wolle und Seide wandeln möchte, dem empfiehlt Langauer den Besuch von Auktionen. Nicht zuletzt, weil er als Enkel und Sohn Wiener Teppichhändler im Vorjahr darauf umgesattelt hat. Doch gute Gründe sprächen dafür: "Auktionen bieten für Ein- und Verkäufer eine transparente Bühne. Es gibt einen Katalog, anhand dessen man sich vorab informieren kann, man kann die Sachen direkt ansehen und befühlen, die klassische Händlerspanne kann umgangen werden", meint er.

Orientierung an Profis

Gut ein Drittel der Besucher von Auktionen seien übrigens Händler, an deren Kaufverhalten man sich auch ein wenig orientieren könne. Sei ein Profikäufer bereit, 3000 Euro für ein Stück zu zahlen, könne ein privater Bieter kaum was falsch machen, wenn er 4000 Euro zahle. Von Online-Angeboten raten Experten unbedarften Laien aber unbedingt ab, da sie den Wert eines Teppichs aus der Ferne in keiner Weise beurteilen können.

Für die nächsten Jahre sagt Langauer, der oft jahrelang auf der Jagd nach bestimmten Teppichen ist und viele Sammler weltweit persönlich kennt, "einige gute Sachen" am Markt voraus. Erwartbar sei die Auflösung etlicher interessanter Sammlungen, da die potenziellen Erben kein Faible dafür erkennen ließen.

Aber auch in Österreich schlummere noch ein großes Potenzial an geknüpften und gewobenen Bodenschätzen. "Ich schätze, dass hierzulande noch zwischen 100 und 200 echt museale Teppiche herumliegen, von deren Wert ihre Besitzer keine Ahnung haben." Er selbst ist ein temporärer Liebhaber einzelner Beutestücke. "Ich genieße sie ein paar Jahre, verkaufe sie dann aber wieder, um ein anderes textiles Kunstwerk unter den Füßen zu spüren."

Gut informieren

Fliegende Teppiche gibt es aber nur im Märchen. Wie bei allen Antiquitäten gilt auch hier: Nur der wirklich gut Informierte hat die Chance auf ein renditereiches Geschäft. Allen anderen, die sich einfach mal nur ein Bild von der vielseitigen Teppichkunst machen möchten, sei ein Besuch im Wiener Museum für angewandte Kunst empfohlen. Die dortige Sammlung zählt zu den drei wichtigsten ihrer Art weltweit. (Karin Tzschentke, DER STANDARD, 24.10.2014)

  • Orientalische Teppiche steigen im Wert. Die Dichte der Knoten ist dabei aber ein wichtiger Faktor.
    foto: reuters/caren firouz

    Orientalische Teppiche steigen im Wert. Die Dichte der Knoten ist dabei aber ein wichtiger Faktor.

  • Der kaukasische Tierteppich aus dem 17. Jahrhundert hat bei einer Auktion 170.000 Euro gebracht.
    foto: udo langauer

    Der kaukasische Tierteppich aus dem 17. Jahrhundert hat bei einer Auktion 170.000 Euro gebracht.

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