Doron Rabinovici: Wer ist ein Opfer?

Essay26. Oktober 2014, 12:00
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"Ich bin kein Opfer", sagt Schoschana Rabinovici, meine Mutter. "Ich war eine Kämpferin." Ich will und kann ihr keineswegs widersprechen. Über Strategien gegen das Trauma

Wie ist es, ein Opfer zu sein? Das wurde meine Mutter, Schoschana Rabinovici, gefragt, und sie antwortete: "Nie war ich ein Opfer." So sprach sie im Rahmen der Aufführung des Burgtheaters Die letzten Zeugen. "Nie war ich ein Opfer." Sie, damals noch keine neun, wurde ins Ghetto Wilna gepfercht, da hatten die Mörder ihren Vater bereits umgebracht. Mit ihrer Mutter durchstand sie die Mordaktionen. Gemeinsam wurden beide in Konzentrationslager verschleppt. Die Tochter war ein Kind, zu klein, um am Leben gelassen zu werden. Mit höheren Schuhen und mit einem Kopftuch machte meine Großmutter sie älter und sagte: "Halt dich gerade. Kopf hoch, du musst groß aussehen." Am Ende waren von allen unseren Verwandten aus Wilna, von 30 Menschen nur drei übrig geblieben. Meine Oma Raja, ihr Bruder Wolodja und ihre Tochter, meine Mutter, Schoschana Rabinovici. Sie sagt: "Ich war nie ein Opfer."

Sie, die verfolgt wurde, lehnt den Begriff Opfer für sich ab, lebt indes in einem Staat, der jahrzehntelang nichts anderes als das erste Opfer Hitlers gewesen sein wollte. Zuweilen stoße ich noch auf Reden, in denen so getan wird, als wären die Massen 1938 mit Gewalt auf den Heldenplatz gekarrt, als wären die Begeisterten gegen ihren Willen die Bäume, die Monumente und selbst die Pallas Athene hochgejagt worden, um jenem Führer auf dem Balkon zuzujauchzen. Um nicht missverstanden zu werden: Es gab auch andere, die nicht ins Gegröle einstimmten, und nicht unerwähnt dürfen jene bleiben, die in den Untergrund gingen. Der Propaganda der Nazis setzten sie entgegen, Österreich sei besetzt. Wer jedoch heute behauptet, das ganze Land sei ein einziges Widerstandsnest gewesen, der verfälscht Geschichte.

Nach 1945 wurde die sogenannte Opferthese missbraucht, um die Täter zu entlasten und um sie als Wähler zu gewinnen. Die Ermordeten, Vertriebenen, Verfolgten waren endgültig überstimmt. Die Beute wurde eingeheimst.

Als Bundeskanzler Julius Raab in einer Unterredung über Entschädigungsforderungen dem Präsidenten des World Jewish Congress Nahum Goldmann erklärte: "Wir befinden uns in derselben Lage; beide sind wir Opfer des Nazismus", antwortete dieser: "Richtig, Herr Bundeskanzler, ich bin ja eigentlich herkommen, um Sie zu fragen, wie viel Ihnen das jüdische Volk zahlen soll ..."

Unmittelbar nach dem Sieg der Alliierten erhielten in Österreich ausschließlich Opfer des politischen Widerstandes Unterstützung durch das Opferfürsorgegesetz. Die Opfer der rassistischen Verfolgung, so etwa die Juden, wurden bis 1947 nicht berücksichtigt. Roma und Sinti mussten lange darum kämpfen, als Opfer anerkannt zu werden. Opfer der sogenannten Erbgesundheitsgesetze, von Zwangssterilisierung und, wie es hieß, "Euthanasie", die als asozial Gebrandmarkten, aber ebenso die ihrer sexuellen Orientierung wegen Verfolgten konnten bis 1995 auf keine Entschädigung hoffen.

Was aber, wenn es der Begriff Opfer selbst ist, der offenlässt, wovon die Rede ist. Die Sprache sorgt für Unklarheiten. Ist der gefallene Blutordensträger, der bis zum letzten Atemzug Frauen und Kinder hinschlachtete, etwa auch ein Opfer? Und was ist mit jenen, die der nazistischen Ideologie zum Opfer fielen? Sollen die Hauptverbrecher zu den Opfern des Nationalsozialismus gerechnet werden? Wohl kaum.

Zudem ist der Ausdruck Opfer sakral aufgeladen, ist durch Religion gefärbt, denn das Deutsche unterscheidet nicht zwischen "sacrifice" und "victim", zwischen Sacrificium und Trauma. Diese doppeldeutige Unschärfe kann fatal wirken, wenn die Verfolgten zu Märtyrern verklärt werden. Das Leid dient dann der Legimitation von Staat und Politik. Das Verbrechen wird zur Passionsgeschichte umgeschrieben, als wäre Auschwitz ein neues Golgatha. Die Vernichtung war aber auch deshalb so schrecklich, weil sie letztlich sinnlos war. Die Opfer starben nicht als Märtyrer, nicht freiwillig und nicht für eine Idee. Sie wurden hingeschlachtet. Dem Massenmord einen höheren Sinn zu verleihen heißt ihn beschönigen.

Opfer setzen Täter voraus

Zuweilen ist es beinah so, als wäre das einstige Opfer der Held unserer Gegenwart, und in manchen Momenten bricht eine wahre Konkurrenz aus, wer das größere Leid vorzuweisen weiß. Von den Opfern zu reden ist jedoch unerlässlich. Sie auszublenden hieße, sie ein zweites Mal auszulöschen. Es genügt nicht, stattdessen Verfolgte zu sagen. Der Verfolgte mag einer anonymen Unterdrückung anheimfallen, doch das Wort Opfer verweist in diesem Zusammenhang auf ein Verbrechen. Es geht nicht um Unfallopfer, nicht um eine Naturkatastrophe und nicht um eine Epidemie. Es handelt sich um Mordopfer. Diese Opfer setzen Täter voraus.

Die Opfer der Massenverbrechen sind nicht bloß die Ermordeten, sondern ebenso jene, die in die Vernichtungsmaschinerie gerieten, ihr jedoch gerade noch entrinnen konnten. Vor dem physischen kamen der psychische, der soziale Mord. Mit Adorno lässt sich sagen: "Seit Auschwitz heißt den Tod fürchten, Schlimmeres fürchten als den Tod."

Es sind unterschiedliche Gruppen, deren Ausmerzung angestrebt wurde, und es mag ungewohnt wirken, die rassistisch Verfolgten mit jenen zu vermengen, die etwa ihrer sexuellen Präferenz wegen umgebracht wurden. Während letztlich alle Juden ausgetilgt hätten werden sollen, wurden nicht alle Parteigänger deportiert, deren Homosexualität der Gestapo bekannt war. Ganz anders das Leid der politischen Gegner. Die ideologischen Antinazis, ob Kommunisten, Sozialisten, Monarchisten oder Christlichsoziale, wussten, welche Gefahr sie auf sich nahmen. Sie stritten zwar gewiss nicht alle für die Demokratie, sie mögen gar selbst manchen Ressentiments nachgehangen haben, doch sie leisteten Widerstand gegen den Nazismus und kämpften so für eine Welt jenseits von Genozid und Faschismus. Nicht wofür, doch wogegen sie ihr Leben gaben, steht außer Streit. Sie sollten Leitbilder der demokratischen Republik sein.

Jede Opfergruppe verdient eine eigene Abhandlung. Wir reden von Juden, Roma und Sinti, von Zeugen Jehovas, Kärntner Slowenen und Sloweninnen, von einer politischen, doch ebenso einer scheinbar unpolitischen, weil schlicht menschlichen Opposition, doch ebenso von solchen, die wegen ihrer Kunst verfolgt wurden, von jenen, die aufgrund ihrer sexueller Orientierung ermordet werden sollten, von Opfern der Zwangssterilisation und der Vernichtung, weil sie als geistig, als körperlich behindert oder auch einfach als "asozial" eingestuft worden waren, von Deserteuren.

Sie wurden vertrieben, ausgegrenzt, ausgeraubt, zwangsverschleppt oder ermordet. Manche überlebten. Wenige leben noch mit uns. Sehr unterschiedlich ist, was ihnen widerfuhr. Einige weigerten und weigern sich bis zum Schluss, ein Opfer gewesen zu sein. "Ich bin kein Opfer", sagt Schoschana Rabinovici, meine Mutter. "Ich war eine Kämpferin." Ich will und kann ihr keineswegs widersprechen. Diese starke Frau redet für sich, doch was sie ausspricht, ist gleichwohl eine Strategie gegen das Trauma. Sie will kein Opfer gewesen sein, und zwar eben deswegen, weil es den Mördern darum ging, sie zu einem zu machen.

Die Opfer können nicht vergessen, was die Täter unterschlagen wollen. Das nationalsozialistische Verbrechen versuchte seine Opfer namenlos zu machen. Nichts sollte von unzähligen Leichen übrig bleiben. Die Auslöschung des Namens gilt bei den Juden als ärgster Fluch. Der Nazismus machte aus der Verwünschung Wirklichkeit. Millionen Ermordete, die keine Grabstätte, keine sterblichen Überreste, manchmal kein Todesdatum, haben, ja, deren Tod zuweilen nicht einmal bezeugt werden kann.

Der Vernichtung entgegenzuwirken heißt, zu vergegenwärtigen, was einst geschah und was heute geschieht. Vergessen gemacht werden die vergangenen Verbrechen nicht der einstigen Gräuel wegen, sondern wegen jener psychischen, sozialen und politischen Kontinuitäten, die ins Heute reichen. Genozid ist keine überwundene Kategorie. Die Erinnerung daran ist kein Blick in die ferne Geschichte, sondern eine Maßnahme gegen Selbstvergessenheit und Gleichgültigkeit. Erinnerung ist eine Notwendigkeit für eine Demokratie der Zukunft. (Doron Rabinovici, Album, DER STANDARD, 25./26.10.2014)

Doron Rabinovici, geb. 1961 in Tel Aviv, ist österreichischer Schriftsteller. Der oben stehende Text ist die Rede, die Rabinovici anlässlich der Abschlussfeier des Vienna Project am 7. 10. in der Nationalbibliothek hielt. Das Vienna Project war ein von Karen Frostig entwickeltes Gedenkprojekt, das sich 2013/2014 dem Gedenken der österreichischen Opfer des Nationalsozialismus widmete.

  • Am 7. 10. ging vorerst die letzte Vorstellung von "Die letzten Zeugen" über die Bühne der Wiener Burg.
    foto: burgtheater wien

    Am 7. 10. ging vorerst die letzte Vorstellung von "Die letzten Zeugen" über die Bühne der Wiener Burg.

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