Vertreibung von Indigenen für Naturschutz in Indien

28. Oktober 2014, 09:56
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Indigene werden durch Drohungen und falsche Versprechen dazu gebracht, ihr Land zu verlassen

Odisha - Es ist ein besonderer Nervenkitzel: Im offenen Jeep werden Touristen durch das Tigerreservat im Similipal-Nationalpark in Odisha in Ostindien gefahren. Wenn sich eine der Großkatzen tatsächlich im Dickicht zeigt, ist die Begeisterung groß. Bereits 1973 wurde das Gebiet zum Tigerreservat erklärt. Das hatte jedoch dramatische Konsequenzen für die dort seit Generationen ansässigen Indigenen: Zwischen 1987 und 2013 gab es mehrere Vertreibungen. Bewohner der drei verbliebenen Dörfer Jamunagarh, Kabatghai und Bakua weigern sich noch umzusiedeln.

Alice Bayer von der NGO Survival International (SI) war vor Ort und berichtet: "Die Familien leben außerhalb des Waldes, unter elendigen Bedingungen, ohne Häuser, nur unter Plastikplanen." Die Menschen berichteten ihr von vielen Jahren der Einschüchterung durch Mitarbeiter der Forstbehörde. Den Leuten werde zum Beispiel damit gedroht, dass sie als Maoisten bezeichnet und verhaftet werden.

Von Forstbehörde getäuscht

Eigentlich erkennt das indische Forstgesetz das Recht von Indigenen an, ihr Land weiterhin zu bewohnen und zu nutzen, auch wenn es zu einer Naturschutzzone umgewidmet wird. Viele Indigene wissen jedoch nicht einmal, dass sie diese Rechte besitzen. Die indische Forstbehörde lockt viele Indigene auch mit falschen Versprechungen von deren Land. So wurden einer Gemeinschaft im Vorjahr Dokumente zum Unterschreiben vorgelegt, die in Oriya verfasst waren. Eine Sprache, die sie nicht lesen oder schreiben können.

Ein adäquates Ersatzgebiet haben sie nie erhalten. "Den rund 120 Menschen wurde nur knapp ein Quadratkilometer Land gegeben", sagt Bayer. Es ist zu klein, damit sie sich weiterhin selbst versorgen können. Währenddessen sehen sie täglich hunderte Fahrzeuge mit Touristen durch das Land fahren, in dem ihre Familien seit Generationen lebten. In den Zonen, aus denen sie vertrieben wurden, entstehen Hotels und Straßen für die Busse.

Indiens Behörden scheinen im ganzen Land unbewohnte Tigerreservate schaffen zu wollen. Dabei leben viele Indigene seit Generation Seite an Seite mit den Raubkatzen. Eine mögliche Erklärung findet sich im indischen Gesetz, sagt Bayer: Demnach kann ein Nationalpark nur Förderungen bekommen, wenn es keine menschliche Besiedelung auf dem Gebiet gibt. "Die Regierung argumentiert, dass das alles zum Schutz der Tiger passiert. Es gibt jedoch keine Belege, dass Indigene den Tieren je geschadet haben", sagt die SI-Mitarbeiterin. Im Gegenteil: Laut einer Untersuchung der Weltbank aus dem Jahr 2011 haben die Indigenen eine Schlüsselrolle im Naturschutz: Demnach ist die Entwaldung in jenen Gebieten am geringsten, in denen sie leben. Sie stellen illegale Jäger oder kontrollieren Waldbrände. Nach einer Umsiedlung steigen hingegen Wilderei und illegale Abholzung.

Eure Wildnis, unser Zuhause

"Der Similipal-Nationalpark ist kein isolierter Fall", betont Bayer. Weltweit gibt es Millionen von Indigenen, die Naturschutzflüchtlinge sind. Mit der Kampagne "Eure Wildnis, unser Zuhause" macht Survival International darauf aufmerksam. "Es ist Zeit, dass sich die Naturschutzindustrie gegen diese Ungerechtigkeit erhebt", sagt SI-Direktor Stephen Corry.

Indigene werden in Indien aus Tigerschutzreservaten vertrieben. Stattdessen fahren Kolonnen an Jeeps mit Touristen - wie hier im Tigerreservat Bandhavgarh - durch das Gebiet. (Julia Schilly, DER STANDARD, 28.10.2014)

  • Indigene werden in Indien aus Tigerschutzreservaten vertrieben. Stattdessen fahren Kolonnen an Jeeps mit Touristen - wie hier im Tigerreservat Bandhavgarh - durch das Gebiet.
    foto: survival international/brian gratwicke

    Indigene werden in Indien aus Tigerschutzreservaten vertrieben. Stattdessen fahren Kolonnen an Jeeps mit Touristen - wie hier im Tigerreservat Bandhavgarh - durch das Gebiet.

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