Warum die Berichterstattung über Nordkorea einseitig ist

24. Oktober 2014, 15:28
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Nordkoreanische Flüchtlinge erzählen in ihren Leidensgeschichten von den Gräueln ihrer Heimat. Nicht selten werden sie politisch vereinnahmt.

Ganz gleich, wie viele UN-Berichte die Menschenrechtsverletzungen in Nordkorea anprangern, oder renommierte Professoren auf die Gräuel des Regimes hinweisen: Der Großteil der Südkoreaner wird mit dem üblichen, apathischen Achselzucken reagieren. Es braucht eine 21-jährige Frau, die unter Tränen ihre dramatische Fluchtgeschichte erzählt, um die Herzen einer ganzen Nation aufzuweichen.

one young world

Letzten Samstag sprach Yeonmi Park beim One Young World Summit 2014 in Dublin, ihre Vorredner waren keine geringeren als Bob Geldof und Kofi Annan. Und doch war es die Geschichte einer heranwachsenden Nordkoreanerin, die das Publikum zutiefst berührte: In ihrer Heimat musste sie mit ansehen, wie Nachbarn hingerichtet wurden, nur weil sie Kühe stahlen, westliche Filme schauten oder Zigaretten mit Zeitungspapier drehten, auf denen der "große Führer" Kim Il-sung abgebildet war. Nach der Flucht über die chinesische Grenze wurde ihre Mutter vor ihren Augen vergewaltigt, ihren Vater begrub die 13-Jährige eigenhändig im Schutz der Dunkelheit. Wen diese Erzählungen kalt lassen, der hat wohl kein Herz. Und doch gibt es unter der Community an Nordkorea-Interessierten derzeit kaum ein Streitthema, das die Wogen stärker hochgehen lässt, wie ebenjene Rede.

Schwierigkeit der differenzierten Darstellung

Als Lügnerin wird Park auf sozialen Netzwerken beschimpft, andere beschreiben sie als narzisstisch-gestört. Ihr wird vorgeworfen, dass sie aus einer vormals privilegierten Familie stammt, die in ihrer Jugend in Nordkorea gar westliche Vorzüge wie Spielekonsolen und DVDs genossen hat. Natürlich machen solche Anschuldigungen nur diejenigen wiederholt zum Opfer, die bereits ihr ganzes Leben unter einem totalitärem System gelitten. Dennoch verdeutlicht ihr Fall, wie schwierig es ist, ein differenziertes Bild über Nordkorea zu zeichnen.

Nordkorea als düsterer Alptraum

Was wir über Nordkorea wissen, stammt zu großen Teilen von Flüchtlingen, die es aus dem Land geschafft haben. Insgesamt leben bereits 27.000 von ihnen in Südkorea, nur ein kleiner Teil von ihnen traut sich vor die Kameras der Journalisten. Yeonmi Park tut dies selbstbewusst, zudem ist sie des Englischen mächtig und besitzt ein jugendliches Aussehen. All das macht sie für die Öffentlichkeit zum "celebrity defector", wie sie sich auch selbst auf ihrer Homepage bezeichnet. Wie wenige bestimmt sie unser Nordkorea-Bild. Und dieses ist ein düsterer Alptraum.

Die Plastikflaschen im Dubliner Royal Canal erinnerten sie an die Leichen, die jeden Morgen im Fluss ihrer Heimatstadt angeschwemmt wurden, erzählte sie einer Reporterin des irischen Independent. Und die Situation in ihrem Heimatland beschreibt sie als Holocaust, vor dem die Welt wieder einmal die Augen verschließt. Solche dramatischen Aussagen werden von Journalisten nur allzu gerne aufgesogen, selten jedoch hinterfragt.

Landesverräter oder Kriminelle

Tatsächlich haben es nordkoreanische Flüchtlinge in ihrem südlichen Nachbarstaat schwer: Auch wenn viele einen Universitätsabschluss vorweisen können, ergattern nur die wenigsten einen festen Arbeitsplatz. Das liegt auch daran, dass ihnen in ihrer Wahlheimat tiefes Misstrauen entgegengebracht wird: Viele Konservative stellen die Flüchtlinge unter Generalverdacht, Nordkorea als kriminelle Straftäter verlassen zu haben. Unter politisch Linken gelten sie nicht selten als Landesverräter, die ihre Ideale aufgegeben haben in der Hoffnung auf ein dekadentes Leben im Kapitalismus. Und ständig schwebt der unterschwellige Verdacht mit, sie könnten Spione vom Regime sein.

Eigene Geschichte als Broterwerb

Als Broterwerb bleibt vielen Nordkoreanern der NGO-Sektor. Sie leben davon, ihre Geschichte zu erzählen. Selbstverständlich ist es den meisten ein Anliegen, von den Gräueln eines Regimes zu berichten, unter dem sie jahrelang gelitten haben. Auch wollen sie auf eine humane Katastrophe aufmerksam machen, die noch immer viel zu wenig beachtet wird.

NGOs mit politischer Agenda

Und doch entsteht genau hier eine wechselseitige Abhängigkeitsspirale, die viel zu selten thematisiert wird: Viele NGOs haben Sponsoren mit eindeutiger politischen Agenda, vor allem aus Amerika. Natürlich werden Flüchtlinge in den Organisationen gebrieft, wie sie ihr Narrativ möglichst medienwirksam präsentieren können. In einer Mediengesellschaft ist das weder verwunderlich, noch moralisch verwerflich. Die Journalisten hingegen, viele davon freischaffend, stehen unter wirtschaftlichen Druck, ihre Story an die Redaktion zu verkaufen. Die Redaktionen sind schließlich auf die Aufmerksamkeit ihrer Leser angewiesen.

Entstehung eines Zerrbildes

Dass es in dieser Kreislauf zu Übertreibungen kommt, auch Fakten manchmal nicht genügend überprüft werden, sollte nicht weiter überraschen. In jedem Fall entsteht so ein Zerrbild über Nordkorea, das nicht notwendigerweise falsch ist, sich jedoch auf nur sehr wenige Aspekte beschränkt: Hungersnöte, Hinrichtungen und die skurrile Frisur von Kim Jong-un.

Abbau repressiver Strukturen

Dass Nordkorea innerhalb der letzten zwanzig Jahre seine repressiven Strukturen fast kontinuierlich abbaut, findet weitaus weniger Eingang in die Medien. Noch in den Neunzigern lebten laut Schätzungen der UN rund 200.000 Nordkoreaner in den politischen Internierungslagern, heute sind es nur mehr rund die Hälfte. Die Zahlen lassen sich deshalb relativ akkurat schätzen, weil Nordkorea seine politischen Gefangenen in separaten Lagern wegsperrt, die durch Satellitenbilder weitgehend bekannt sind. Grund für den Rückgang ist, dass mittlerweile nur mehr die politischen Gegner selbst weggesperrt werden, nicht wie vormals auch deren Familienmitglieder.

In anderen Bereichen lässt sich diese gesellschaftliche Entwicklung ebenso beobachten: Nordkoreaner, die ohne Erlaubnis die Grenze zu China überqueren, begehen in aller Regel nur mehr ein geringfügiges Vergehen, zumindest wenn sie im Ausland keine Missionare oder Journalisten getroffen haben. Zwar sind immer noch weite Teile der Bevölkerung unterernährt, zeigen gar ein Drittel aller Kinder unter fünf Jahren Zeichen von Unterentwicklung, und trotzdem ist dies ein Fortschritt zum Massensterben während der 90er Jahre.

Einerseits, andererseits

Natürlich: Nordkorea bleibt weiterhin ein brutales Regime, und die Anzahl an Strafgefangenen im Verhältnis zur Bevölkerung ist immer noch ähnlich hoch wie in der Sowjetunion kurz vor Stalins Tod. Gleichzeitig gibt es aber auch viele Aspekte, die Sie möglicherweise überraschen werden – etwa, dass die meisten südkoreanischen Blockbuster bereits wenige Wochen später auf nordkoreanischen Schwarzmärkten als DVDs kursieren. Auch gibt es immer wieder nordkoreanische Exilanten, die trotz einer lebensbedrohlichen Flucht ins Ausland wieder zurück in ihr Heimatland migrieren. Viele dieser Aspekte möchte ich auch in diesem Blog thematisieren.

Ich kann mir vorstellen, dass dieser Blogeintrag sehr polarisieren wird. Haben Sie andere Ansichten? Gerne würde ich davon in den Kommentaren lesen.

Abschließen möchte ich mit einem Zitat von Yeonmi Park, das das Dilemma über der Nordkorea-Berichterstattung gut auf den Punkt bringt: "Alles, worüber wir reden, ist Kim Jong-un: was für ein verrückter Diktator er ist, wie dick er ist, wie skurril seine Frisur. Er verdient unsere Aufmerksamkeit nicht – die Bevölkerung Nordkoreas verdient unsere Aufmerksamkeit." (Fabian Kretschmer, derStandard.at, 24.10.2014)

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