Ein Bilderfluss durch eine filmische Blütezeit

24. Oktober 2014, 18:24
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Über das Kino der Weimarer Republik: Rüdiger Suchslands Doku "Von Caligari zu Hitler"

"Was weiß das Kino, was wir nicht wissen?", lautet die suggestive Frage auf dem Filmplakat. Die These des Filmkritikers Rüdiger Suchsland, der hier seinen ersten eigenen Film vorlegt, ist, dass die Filme der Weimarer Republik in hohem Ausmaß den Zeitgeist reflektierten. In dieser Überlegung folgt er dem Filmkritiker Siegfried Kracauer, der das 1947 in seiner Studie, von der Von Caligari zu Hitler seinen Titel ableitet, ausführte.

Mit seiner Fragestellung nach der deutschen Identität knüpft Suchsland an den Film Auge in Auge – eine deutsche Filmgeschichte an, den der Filmhistoriker Hans Helmut Prinzler und der Film kritiker Michael Althen 2008 realisierten. Suchsland Film konzen triert sich aber auf eine einzelne Epoche, die erste Blütezeit des deutschen Kinos, die auch international Beachtung fand.

Gemeinsam haben die beiden Filme das Mosaikartige, das Bekannte mit dem weniger Bekannten zu verknüpfen, auch wenn bei Suchsland eher gängige Auffassungen den Kern der Argumentation bilden. Das beginnt mit den in diesem Kino so häufig zu findenden Tyrannenfiguren aus Das Kabinett des Dr. Caligari (1920) und dem „Dr. Mabuse“, der am Anfang der Weimarer Republik (Dr. Mabuse, der Spieler, 1922) ebenso wie an deren Ende (Das Testament des Dr. Mabuse, 1933) steht; später entwickelt sich neben dem Expressionismus auch eine realistische Tendenz mit Filmen wie Die Verrufenen (1925), die Anfang der 30er-Jahre in den Ansätzen eines dezidiert proletarischen Kinos wie Brecht/Dudows Kuhle Wampe kulminiert.

Expertenstatements nehmen in dieser Dokumentation einen vergleichsweise geringen Raum ein, Suchsland verlässt sich in erster Linie auf die Filmbilder selber, zugute kommt ihm dabei, dass eine Reihe von Klassikern in den letzten Jahren restauriert wurde und deshalb hier in besonderer Bildqualität erstrahlt, von der Restaurierung profitierten aber auch weniger bekannte Filme wie Lamprechts Die Verrufenen oder Reinerts Nerven (1919), die ebenfalls vertreten sind.

Wenn Suchsland Robert Reinert oder Marie Harder (Lohnbuchhalter Kremke) als Vergessene tituliert, dann hat er damit zweifellos recht, aber trifft das auch auf Werner Hochbaum zu? Zugegebenermaßen, im breiten Bewusstsein reduziert sich das Kino dieser Zeit auf „Highlights“ – mit Metropolis und Nosferatu lassen sich bei Festivals immer wieder volle Kinosäle erzielen. Aber gerade Hochbaum wurde in Wien 1976 mit einer Retrospektive und Publikation wiederentdeckt, der weitere Wiener Werkschauen und Publikationen folgten.

Von Caligari zu Hitler ist ein Strom der Bilder, die oft so schnell wie Einspielfilme bei Preisverleihungen montiert sind. An zwei Stellen sieht man in einem Ausschnitt aus Fritz Langs M ein Schaufenster, in dem ein Rad sich dreht, dessen kreisförmige Linien dazu angetan sind, den Betrachter in Trance zu versetzen. Manchmal möchte man diesen Bilder- und Sprachfluss (Suchsland selber spricht den Kommentar) anhalten, um das Gesehene und Gehörte verarbeiten zu können. Mehr Passagen wie die aus Menschen am Sonntag, wo der Kommentar die Inszenierung mit knappen Worten analysiert, hätten dem Werk gutgetan. (Frank Arnold, DER STANDARD, 25.10.2014)

27. 10., Urania, 18.00

4. 11. Metro, 12.00

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