Parolen gegen das Schweigen

24. Oktober 2014, 18:23
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"Los Hongos" von Oscar Ruiz Navia

Ras ist der junge Mann, der auf der Baustelle immer abseits sitzt. Während die Kollegen schlüpfrige Witze reißen, träumt er von den Malereien, mit denen er die Wände gestalten würde, die er gerade errichten hilft. Seinen Job behält er nicht lange. Ras ist Skater und Straßenkünstler, gemeinsam mit seinem Freund Calvin, der aus einer reicheren, allerdings zerbrochenen Familie stammt, sucht er nach Anschluss an die gegen kulturelle Szene der kolumbianischen Stadt Cali, in der Oscar Ruiz Navia Los Hongos gedreht hat – beruhend auf autobiografischen Erfahrungen, wie es heißt.

Die prekäre Offenheit der Lebensphase von Ras und Calvin wird von der losen Form des Films gut vermittelt. Sie fahren auf Calvins Minirad durch die Gegend, Ras steht hinten aufgepflanzt wie ein Heros, Calvin ist eher der Nerd, der mit seiner Großmutter in einer zärtlichen Gemeinschaft lebt – das verwitterte Leben und das aufblühende. Zwischen Ras und Calvin gibt es eine Spannung, die über Freundschaft hinausgeht, der sie aber nicht auf den Grund gehen. Zu sehr sind sie mit ihren Parolen, Aktivitäten, Ideen beschäftigt, so auch mit dem Vor haben, durch Graffiti einen Schulterschluss mit dem feministischen Flügel des Arabischen Frühlings zu versuchen.

Los Hongos ist bis zu einem gewissen Grad auch eine Erkundung der politischen Boheme von Cali. Die Politiker richten ihren Wahlkampf aber eher auf die Generation aus, der Ras’ Mutter angehört. Sie ist empfänglich für die religiösen Parolen eines Kandidaten. Eine Szene, in der die Mutter mit ihren Freundinnen afrozentristische Lieder singt, ist wie so vieles in Los Hongos fast schon dokumentarisch, und so bleibt auch die Geschichte von Ras und Calvin offen und nicht bis zu einem Punkt auserzählt, an dem die Frage der sexuellen Identität gegenüber der Politik oder der freien Widerstandspraxis privilegiert würde. Alles geht ineinander, nur eines ist wichtig: "Wir lassen uns nicht mehr zum Schweigen bringen", das ist die Parole von Ras. (Bert Rebhandl, DER STANDARD, 25.10.2014)

25. 10., Metro, 12.00

26. 10., Metro, 18.30

  • Eine Freundschaft und mehr: Oscar Ruiz Navias "Los Hongos".
    foto: viennale

    Eine Freundschaft und mehr: Oscar Ruiz Navias "Los Hongos".


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