Durchreise in ein neues Dasein

24. Oktober 2014, 18:16
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Von Menschen in Transit und überraschenden Verwandlungen erzählt Pascal Ferrans Film "Bird People" in mannigfaltigen Tonlagen - und in zwei Hälften, die sich wenig gleichen.

Menschen im Zug: Wenige unterhalten sich, die meisten sind nur halb anwesend. Sie streiten sich über ihre Mobiltelefone, schreiben Textnachrichten, hören Musik, machen sich Gedanken über die Arbeit, das Abendessen, unbezahlte Rechnungen. Und wie die Engel in Wim Wenders Himmel über Berlin kann der Kinozuschauer all diese Gedanken in einer Kakofonie aus sich überlagernden Stimmen und Musik hören. Der Beginn von Pascal Ferrans Bird People zeigt die Menschheit in ständiger Bewegung, körperlich und geistig, als ein großes Kollektiv, aber doch vereinzelt.

Im Pendlerzug von der Pariser Innenstadt zum Flughafen Charles de Gaulles sitzt auch Audrey, die in einem der Flughafenhotels als Zimmermädchen arbeitet. Auf dem Weg zum selben Hotel ist der gerade gelandete Amerikaner Gary, der auf seiner Geschäftsreise nach Dubai für einen Tag haltmachen will. Ein menschlicher Zugvogel auf Zwischenstopp.

Bird People spielt mit der Erwartung des Publikums, dass sich die Wege der beiden kreuzen werden, sie die Vereinzelung durchbrechen und der Anonymität des Flughafens entfliehen können - um gewissermaßen sesshaft zu werden. Ferran und ihr Co-Autor Guillaume Bréaud machen es dem Zuschauer natürlich nicht so einfach. Über Audreys Schicksal darf allerdings nur so wenig wie möglich verraten werden, um den Spaß am Film nicht zu mindern. So viel kann gesagt werden: Ihr Leben wird eine völlig unvorhersehbare Wendung nehmen, die die Geschichte für eine Zeitlang ins Fantastische verschiebt.

Auch Garys Leben wird sich am Flughafen radikal ändern - dass er Newman mit Nachnamen heißt, dürfte kein Zufall sein. Er bricht unter der Last seines globalisierten Dauerarbeitsalltags zusammen. Nach einer schlaflosen Nacht kündigt er seinen Job und verlässt seine Familie. Ein Erzählstrang, der etwas unter der fehlenden Präsenz des männlichen Hauptdarstellers Josh Charles leidet und dem ebenso nichtssagenden Schauplatz: ein anonymes Hotelzimmer, das harsch ausgeleuchtet und mit Digitalkamera gefilmt alles andere als einen attraktiven Ort bietet. Auch der überlange, tränenreiche Abschied Garys von seiner Frau via Skype könnte visuell kaum banaler sein.

Wendung ins Beschwingte

Das ändert sich in der zweiten Hälfte des Films, in der Audrey im Mittelpunkt steht. Was hier mithilfe von neuen mobilen Kameras und Spezialeffekten an filmischer Dynamik erreicht wird, erstaunt umso mehr, weil die Inszenierung der ersten Hälfte - vielleicht absichtlich - so lieblos ist.

Überraschende Wendungen wirken im Kino oftmals wie ein Betrug am Zuschauer, weil sie alles um- oder entwerten, was zuvor gezeigt wurde. Das Tolle an Pascal Ferrans erstem Film nach ihrer Lady Chatterley -Verfilmung aus dem Jahr 2006 ist, dass hier wirklich eine neue Blickweise, eine neue Ebene den Film bereichert. Die Themen des ersten Teils werden aufgenommen, aber komplett anders verarbeitet. Am Ende geht man federleicht und beschwingt aus einem Film, der doch so schwermütig angefangen hat. (Sven von Reden, DER STANDARD, 25.10.2014)

25. 10., Urania, 18.00; 26. 10., Gartenbau, 18.00

  • Ein Flughafenhotel wird in Pascal Ferrans "Bird People" zu einem Ort, an dem das Leben mehrerer Menschen überraschende Entwickungen nimmt.
    foto: viennale

    Ein Flughafenhotel wird in Pascal Ferrans "Bird People" zu einem Ort, an dem das Leben mehrerer Menschen überraschende Entwickungen nimmt.

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