"Um zu filmen, muss man sich ein wenig entfernen"

24. Oktober 2014, 18:19
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Sergei Loznitsa hat sich im vergangenen Winter ein Bild von den Euromaidan-Protesten in Kiew gemacht. Entstanden ist dabei der herausragende Dokumentarfilm "Maidan"

In diesen Tagen beginnen im Netz Listen zu zirkulieren, die die meisterwarteten Filme des Jahres 2015 annoncieren. Neben Apichatpong Weerasethakuls Cemetery of Kings oder Jean-Luc Godards Onomatopoeia findet sich darauf auch Sergei Loznitsas Babi Jar, ein Spielfilm, der von einem Massaker handelt, das deutsche Einsatztruppen Ende September 1941 in der Nähe von Kiew begingen. In zwei Tagen erschossen sie mit ukrainischen Helfern in der Schlucht von Babi Jar mehr als 33.000 jüdische Ukrainer. Loznitsa möchte das schwierige Sujet so angehen, dass er die Erzählung nicht um einen oder zwei Protagonisten herum errichtet, sondern das Tun des Kollektivs in den Blick nimmt.

Genau das tut er auch in seinem herausragenden Dokumentarfilm Maidan, den er in der Zeit zwischen Dezember 2013 und Februar 2014 in Kiew drehte. Loznitsa ist 1964 in der weißrussischen Stadt Baranawitschy geboren, in der Ukraine aufgewachsen, er hat in Moskau Film studiert und lebt seit mehr als einem Jahrzehnt in Berlin. Zu seinem bisherigen Werk zählen unter anderem die Found-Footage-Kompilation Blokada (2006) über die mehrjährige Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht und die Spielfilme Mein Glück (2010) und Im Nebel (2010), die beide im Wettbewerb von Cannes liefen.

Auch Maidan war dort im Mai in einer Sondervorführung zu sehen. Loznitsa befasst sich darin mit der Euromaidan-Protestbewegung. Er spart sich jeden Kommentar und macht sich nicht gemein mit den Parolen, der Nationalhymne, den patriotischen Gedichten und Gottesdiensten, er interviewt niemanden, er filmt meist aus der Distanz, in Totalen, in denen viele Menschen, Barrikaden, Rauchschwaden oder Polizeispaliere Platz finden.

Das bedeutet nicht, dass Loznitsa nicht mit den Protestierenden sympathisierte. Als ich vergangenen Mai in Cannes ein kurzes Gespräch mit ihm führte, sagt er: "Ich wahre eine gewisse Distanz zu der Situation, obwohl ich mit meinem Herzen dabei bin. Aber um zu filmen, muss man sich ein wenig entfernen. Wenn man das nicht tut, kämpft man, statt zu filmen."

Im ukrainischen Pavillon

Wir sitzen im ukrainischen Pavillon, an der Zeltwand hängen blau-gelbe Flaggen, in einer Ecke sind Barrikadenteile wie eine Kulisse aufgebaut. Maidan fehlen die Dringlichkeits-Zeichen, mit denen Filme, die in Protest- und Krisensituationen entstehen, oft operieren. Die Kamera bewegt sich so gut wie nie, einmal schwenkt und zoomt sie von einem erhöhten Standpunkt aus, ein anderes Mal wackelt sie, wendet sich ab, kommt an einer anderen Stelle zur Ruhe. "Sie schießen auf Journalisten", hört man aus dem Off. Abgesehen von diesen Einstellungen, sind die Bilder sorgfältig komponiert, es gibt raffinierte Staffelungen, klare Linien, Einteilungen in Vordergrund, Mitte und Hintergrund.

Loznitsa selbst und zwei weitere Kameraleute haben sich an der Kamera abgewechselt; als ich ihn frage, wie ihm die Präzision in der unübersichtlichen, zum Teil sogar gefährlichen Drehsituation gelingt, antwortet er: "Solange man einen bestimmten Stil hat, ist es möglich, Ordnung im Chaos zu schaffen." Wie er das macht, lässt sich schwer in Worte fassen: "Wenn ich eine Kamera benutze, finde ich die Komposition sofort. Ich frage mich selbst nicht, wie ich das mache." Zum charakteristischen Stil gehört, die Tonspur nachträglich zu bearbeiten. Geräusche werden verstärkt, herausgefiltert, hinzugefügt. Dabei entsteht ein Soundscape, der demjenigen, der sich Gedanken über Ton im Dokumentarfilm machen möchte, viel Material gibt.

Logistik des Aufstands

Was in Maidan besonders gut zum Vorschein kommt, sind die Funktionsweise, die Logistik, die Rhetorik von Protest und Aufstand. Man sieht, wie eine Suppenküche organisiert wird, wie Steine von Hand zu Hand weitergereicht werden, bevor sie die militanten Demonstranten in der vordersten Reihe auf die Polizisten schmeißen. Wie die Leute auf dem Maidan-Platz miteinander arbeiten, ist etwas, was Loznitsa beeindruckt. "Können Sie sich vorstellen, dass dies von niemandem gesteuert wurde? Es war selbst organisiert. Wie ein Ameisenhügel: Jeder verrichtet ein kleines Stück der Arbeit, und das Ergebnis ist eine große Leistung."

Kurz nachdem Präsident Viktor Janukowitsch im Februar das Land verlassen und ihn das Parlament in Abwesenheit des Amtes enthoben hat, kommt Maidan zum Ende. Seither hat sich vieles ereignet in der Ukraine, und viele Hoffnungen, die in Bildern des Films noch greifbar sind, haben sich zerschlagen. Die Frage, ob er weiterhin dreht, ob er eine Fortsetzung zu Maidan plant, verneint Loznitsa. "Denn diese Geschichte ist vorbei. Jetzt ist es eine andere Geschichte. (Cristina Nord, DER STANDARD, 25.10.2014)

25. 10., Urania, 20.30; 26. 10., Gartenbau, 13.00

  • Barrikaden, die die Euromaidan-Protestbewegung in Kiew errichtet hatte: Sergei Loznitsa hat dort zwischen Dezember 2013 und Februar 2014 seinen Dokumentarfilm "Maidan" gedreht.
    foto: viennale

    Barrikaden, die die Euromaidan-Protestbewegung in Kiew errichtet hatte: Sergei Loznitsa hat dort zwischen Dezember 2013 und Februar 2014 seinen Dokumentarfilm "Maidan" gedreht.


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