"Help to buy" lässt britischen Häusermarkt boomen

25. Oktober 2014, 15:00
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Die Regierung startete eine Neuauflage ihrer umstrittenen Initiative, mit der Hauskäufer nur fünf Prozent an Eigenmitteln benötigen. Viele warnen schon wieder vor einer Blase

Warnungen über eine neue Immobilienblase gibt es in Großbritannien im Dutzend billiger. Führende Ökonomen, die Bank of England (BoE), sogar die EU-Kommission - alle haben sie im letzten halben Jahr ihre Stimmen erhoben und die konservativ-liberale Koalition vor den Konsequenzen des überhitzten Häusermarktes gewarnt.

Hohe Privatverschuldung

Doch Finanzminister George Osborne geht seinen Weg unbeirrt weiter. Der anhaltende Boom - zuletzt stiegen die Preise der Hypothekenbank Nationwide zufolge durchschnittlich um 10,6 Prozent - fördert zwar die weiterhin gefährlich hohe Verschuldung der Privathaushalte. Doch spült er dem Steueramt auch hochwillkommene Milliarden aus Immobilienverkäufen in die Kassen, während die Einkommenssteuererträge - trotz robusten Wachstums von 3,1 Prozent und auf 6,0 Prozent gefallener Arbeitslosigkeit - nicht recht vom Fleck kommen.

Die überhitzten Preise bei gleichzeitig schlechter Baukonjunktur haben die Situation für Markteinsteiger erheblich erschwert. Für die wachsende Bevölkerung (zuletzt 64 Millionen Menschen) werden seit Jahren zu wenige Immobilien gebaut. Der jüngsten Statistik zufolge wurde im vergangenen Jahr der Grundstein für 133.650 neue Wohnungen und Häuser gelegt. Um den Bedarf zu decken, wären laut Experten aber jährlich fast 300.000 neue Wohneinheiten nötig.

Um jungen Familien zu helfen, gewährt die Regierung seit vergangenem Jahr für Häuser bis zu einem Wert von 736.000 Euro ermäßigte Kredite. Das sogenannte "Help to buy"-Programm wurde in neun Monaten bereits 17.000 Mal in Anspruch genommen und soll noch bis 2020 weiter gelten. Mit Eigenmitteln von nur fünf Prozent ist man dabei.

85 Prozent sind Erstkäufer

Kritiker wenden allerdings ein, das Programm komme auch wohlhabenden Briten zugute, die sich eine Zweit- oder Drittimmobilie zulegen und dann teuer vermieten. Das wird von der Regierung auch eingeräumt; allerdings würden mindestens 85 Prozent aller Kredite von Erstkäufern in Anspruch genommen.

Der Missbrauch des Kredithilfsprogramms ist gewiss eine der kleineren Sorgen für die Immobilienfachleute der Koalition. Ein größeres Problem ist der stetige Zufluss ausländischen Kapitals. In den großen Städten, vor allem in der Metropole London, werden reihenweise teure Häuser von Investoren aus Arabien, Fernost und Russland aufgekauft und als Spekulationsobjekte verwendet. Kommunalbeamte in Nobelvierteln wie Chelsea, Kensington und Mayfair wissen von ganzen Straßen zu berichten, in denen kaum noch jemand wohnt.

"Kein faires System"

Die Spekulanten machen sich die regressive Besteuerung von Immobilien zunutze. Seit 1991 sind die Listen nicht mehr angepasst worden, nach denen sich die lokale Grundsteuer bemisst. Das hat zur Folge, dass für Millionenanwesen in der Boomregion London (16 Prozent Preisanstieg) das gleiche Entgelt bezahlt werden muss wie für viel bescheidenere Häuser im Norden des Landes, wo sich die Immobilienpreise um höchstens vier Prozent gesteigert haben. "Das ist kein faires System", glaubt der Ökonom Adair Turner, früher Geschäftsführer des Industrieverbandes CBI.

Aufeinander folgende Regierungen unterschiedlicher Couleur sind vor einer Anpassung der Grundsteuer zurückgeschreckt, weil sie den Zorn von Millionen von Hausbesitzern fürchten. Da helfen auch alle Mahnungen der EU-Kommission nichts; London solle "angemessene Maßnahmen" gegen die rapide steigenden Immobilienpreise unternehmen und Steuererhöhungen für Hausbesitzer in Betracht ziehen, hieß es im jüngsten Brüsseler Jahresgutachten.

Die Labour-Opposition versucht es stattdessen mit dem Plan für eine Steuer auf Immobilien, deren Wert die Grenze von zwei Millionen Pfund (2,54 Millionen Euro) überschreitet. Freilich leben in einst ärmlichen, heute angesehenen Vierteln wie Hampstead oder Hackney besonders ältere Leute mit bescheidenen Renten in Häusern auf großen Grundstücken, deren Wert ihnen gar nicht bewusst ist. Eine Steuer würde sie zum Umzug zwingen, was im traditionsbewussten Großbritannien ("My home is my castle") als schreckliche Zumutung gilt. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, 25.10.2014)

  • Die britische Regierung will mit einer Neuauflage des "Help to buy" -Programms junge Familien beim Hauskauf unterstützen. Im Bild ein sogenanntes "semi-detached house" (Doppelhaus) in Tilbury im Südosten Englands.
    foto: reuters/plunkett

    Die britische Regierung will mit einer Neuauflage des "Help to buy" -Programms junge Familien beim Hauskauf unterstützen. Im Bild ein sogenanntes "semi-detached house" (Doppelhaus) in Tilbury im Südosten Englands.

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