Und der Barkeeper reibt sich die Hände

Reportage23. Oktober 2014, 18:58
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In Sölden herrscht vor dem Weltcup-Auftakt emsiges Treiben. Die Schneefälle stellen kein Problem dar. Der Pistenchef, der Barkeeper und der Skistar sind guter Dinge, der Tourismus boomt

Sölden - Alles weiß. Schneeweiß. Flocken aus allen Richtungen, dazu erfrischender, böiger Wind. Der Schneepflug fährt die Ortsstraße auf und ab. Minibagger und Schneefräsen sind im Einsatz, an jeder Ecke wird geschaufelt. Schuld an den Schneemengen sind die Ausläufer des Hurrikans Gonzalo, der vergangene Woche noch auf den Bermudas wütete. Vergleichbares würde im Osten Österreichs das reinste Chaos auslösen. In einem Tiroler Tal aber reißen solche Ereignisse niemanden vom Hocker.

"Am Gletscher oben sind es rund siebzig Zentimeter", sagt Isidor Grüner dem STANDARD. Grüner ist Pistenchef der am Samstag (Damen) und Sonntag (Herren) steigenden Weltcup-Riesenslaloms am Rettenbachferner. "Wir erwarten noch weitere zehn Zentimeter, aber das ist kein Problem. Der Wind lässt nach, das Gröbste ist vorbei. Das Rausschieben des Neuschnees wird intensiv und arbeitsaufwändig, ist aber machbar", sagt Grüner.

Gut vereist

Bis spät in die Nacht hinein wurde am Donnerstag an der Piste gearbeitet, nachdem die Straße hinauf zum Gletscher einen Tag lang gesperrt gewesen und an Arbeit im Hochgebirge nicht zu denken war. Sechs Pistenbullys erledigen die Schwerarbeit. Danach kümmern sich Rutschkommandos um das Feintuning. Die zuvor gut vereiste Rennstrecke soll vom Neuschnee kaum in Mitleidenschaft gezogen worden sein. "Wenn doch, dann wird sie eben wieder leicht vereist und so kompakt gemacht", sagt Grüner. Fünfhundert Mann sind für Piste und das Drumherum im Einsatz. "Alles ist im grünen Bereich."

Im Ort herrscht emsiges Treiben, letzte Arbeiten an Punschständen und Après-Ski-Hütten werden abgeschlossen, Kartons und Kisten mit Getränken in besorgniserregenden Mengen gestapelt. Man bereitet sich auf den Ansturm vor. Bis zu 30.000 Fans werden am Wochenende erwartet.

Werbung

Während im Land weiter östlich nicht selten zu vernehmen ist, dass "der Altweibersommer auch nicht mehr das ist, was er einmal war", sind sich die Söldener einig, dass "nichts Besseres hätte passieren können" als der plötzliche Wintereinbruch. Zumal sich am Wochenende wieder die Sonne blicken lassen sollte.

"Die Weltcuprennen sind beste Werbung für Sölden", sagt Barkeeper Julian und reibt sich die Hände. "Der Termin im Oktober ist perfekt, über das Fernsehen werden traumhafte Bilder in viele Länder ausgestrahlt, und die Menschen werden animiert herzukommen." Und das tun sie dann auch, vor allem an den Wochenenden. Während es andernorts erst im Dezember losgehen wird, hat Sölden das Saison-Opening bereits Anfang Oktober hinter sich gebracht.

Gut ausgelastet

Die Auslastung in Sölden ist, um es im Skifahrer-Jargon zu formulieren, "gewaltig". Sie bewegt sich im Winter mit 62 Prozent im Spitzenfeld. "Auch heuer ist die Buchungslage sehr gut", sagt Michaela Klotz vom Ötztal-Tourismus. Sie verweist auf den "enormen Stellenwert des Ski-Weltcupauftakts, nicht nur regional bezogen, sondern auf den gesamten Wintertourismus in Österreich". Es gebe aus allen Regionen positive Rückmeldungen. "Die Leute sehen die Rennen im Fernsehen und beginnen sich zu interessieren. Sölden ist eine Initialzündung, man bekommt Lust auf Winterurlaub."

16.900 Betten gibt es im 3300 Einwohner zählenden Gemeindegebiet, das auch die Ortschaften Vent und Gurgl umfasst. Allein im vergangenen Winter verzeichnete die mit 466,9 Quadratkilometer flächenmäßig größte Gemeinde Österreichs beachtliche 1,9 Millionen Nächtigungen. Das ergibt österreichweit immerhin Platz zwei hinter Wien.

Dass von dem Charakter des ehemaligen Bergbauerndorfes nicht mehr viel übrig geblieben ist, versteht sich. Massen anziehender Alpin-Tourismus fordert auch seine Opfer. Doch das beklagt kaum jemand hier. "Wir können froh sein, dass die Leute kommen. Wir sind auf den Tourismus angewiesen" , sagt Doris, die im Gastgewerbe tätig ist.

Gut beisammen

Einer, der Sölden wie seine Westentasche kennt, ist Benni Raich aus dem benachbarten Pitztal. Bereits zum 14. Mal geht er hier an den Start. Als beste Platzierungen hat er drei vierte Ränge (2005, 2007, 2008) vorzuweisen. Gesundheitlich geht es dem ÖSV-Routinier, der seit Jahren immer wieder von Rückenschmerzen geplagt wird, "sehr gut". Auf die Vorbereitung in Argentinien hat er verzichtet. "Mein Ziel war, mich in Ruhe zu Hause vorzubereiten und auch vom Kopf her frisch in die Saison zu starten."

Als Ziel für die Saison nennt Raich den WM-Riesentorlauf im Februar in Beaver Creek. "Da fehlt mir noch eine Goldene." Natürlich will er aber schon in Sölden "Vollgas geben, denn man muss immer mit hundert Prozent in die Rennen gehen." In erster Linie dient das Auftaktrennen aber der Standortbestimmung. "Wenn mir gute Läufe gelingen, dann wäre das super, perfekt. Wenn nicht, dann habe ich noch Zeit."

Raichs Lieblingsrennen steigen zwar aus Gründen des Erfolgs in Schladming und Adelboden. "Doch ich nehme es, wie's kommt. Die Abwechslung macht den Reiz aus." Von wegen steil und eisig. "Abwechslungsreich muss es sein. Wenn es nur steil runtergeht, ist das auch nicht so spannend. Nett ist, wenn man das Hirn einschalten muss. Das gefällt mir." (Thomas Hirner aus Sölden, DER STANDARD, 24.10.2014)

  • Mag sein, dass in Sölden ein Plakat im Schnee zu versinken droht. Doch  dem alpinen Ski-Weltcup-Auftakt sollte nichts im Wege stehen.
    apa/jaeger

    Mag sein, dass in Sölden ein Plakat im Schnee zu versinken droht. Doch dem alpinen Ski-Weltcup-Auftakt sollte nichts im Wege stehen.

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