Kanadischer Premier Stephen Harper: Der Eishockeyfan trotzt der Terrorgefahr

Kopf des Tages23. Oktober 2014, 20:15
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Kanadas Premierminister gilt eher als hölzern und trocken, reagierte aber emotionell auf den Anschlag in Ottawa

Stephen Harper zeigt selten Gefühle – zumindest in der Öffentlichkeit. Kanadas Premierminister wird eher als hölzern und trocken erlebt. Böse Zungen behaupten sogar, es seien vor allem seine Katzen Stanley und Gypsy, die ihn zu Tränen rührten.

Aber niemand wird behaupten, dass der 55-jährige Regierungschef nicht bewegt war, als er sich am Mittwochabend in einer Rede an die Kanadier wandte. Die Terrorangriffe auf das Leben kanadischer Soldaten und auf Kanadas Regierung und Parlament gingen dem konservativen Politiker augenscheinlich nahe, vielleicht so nahe, wie der Attentäter beim Überfall aufs kanadische Parlament Harper selbst kam.

Sicher hat sich der Vater zweier Kinder auch bestätigt gefühlt. Seine konservative Regierung entschloss sich kürzlich, die von den USA geführte Militärallianz gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) mit Kanadas Luftwaffe zu unterstützen. Die konservative Mehrheit im Parlament war dafür, die Liberalen und Sozialdemokraten waren dagegen.

Umfragewerte im Keller

Es sind wahrlich keine leichten Zeiten für den studierten Ökonomen aus der Ölprovinz Alberta. Die Beliebtheit Harpers, seit acht Jahren Regierungschef, ist in Umfragen schmerzhaft tief, und das schon seit geraumer Zeit. Kritiker finden, Harper sei ein Problem für seine Partei angesichts der Regierungs- und Parlamentswahlen im kommenden Jahr. Es muss frustrierend für den gewieften Taktiker sein, dass sein Rivale Justin Trudeau, der 42-jährige Chef der Liberalen, die Menschen leichter mit seinem Charme als mit politischer Erfahrung gewinnt.

Selbst die Tatsache, dass Harper ein Buch über die wichtigste Sache im Leben vieler Kanadier veröffentlichte, nämlich Eishockey, verleiht ihm keine Kennedy-Aura: Stephen Harper ist Sohn eines Buchhalters, Justin Trudeau der Sohn des legendären Ex-Premierministers Pierre Trudeau.

Irgendwie kommt Harper einfach nicht zu dem Ruhm, der ihm gebührt und manchmal zum Greifen nahe ist, zum Beispiel als Kanada kürzlich ein Freihandelsabkommen mit der EU unterzeichnete. Harper strahlte siegesgewiss, aber dann gab es Widerstand aus Berlin gegen den Vertrag, was die Feierlaune sogleich trübte.

Aber jetzt, in diesen schweren Stunden, kann Harper der Fels in der Brandung sein, entschlossen gegenüber Feinden, loyal gegenüber Alliierten. Und vielleicht, vielleicht werden ihm die Kanadier dafür Liebe entgegenbringen. (Bernadette Calonego, DER STANDARD, 24.10.2014)

  • Premier Stephen Harper bei seiner Rede im kanadischen Parlament nach dem Anschlag in Ottawa.
    foto: reuters/chris wattie

    Premier Stephen Harper bei seiner Rede im kanadischen Parlament nach dem Anschlag in Ottawa.

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