Spotify für Zeitungen schwer machbar

23. Oktober 2014, 18:05
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Print-Debatte über digitalen Imperialismus und piraterieresistente Produkte

München - Kann das Modell "Spotify" eine Lösung für Probleme der Printbranche sein? Diese Frage gehörte zu den zentralen Themen der Medientage München. Neu vorgestellte Zahlen gehen davon aus, dass die Print-Branche weiter mit sinkenden Einnahmen rechnen muss.

Auf der Suche nach Wegen aus der Zeitungskrise sieht der Geschäftsführer der "Neuen Osnabrücker Zeitung", Laurence Mehl, einen großen technischen Nachholbedarf bei Regionalblättern. "Wir müssen viel technischer werden", sagte Mehl am Donnerstag beim "Publishing-Gipfel" der Medientage München. "Die Hälfte der Mitarbeiter müssen wahrscheinlich Techniker sein." Denn neben den Inhalten komme es zunehmend darauf an, den Lesern ein maßgeschneidertes, leicht bedienbares Produkt anzubieten.

Dass die Branche Veränderungen herbeiführen muss, wird von Prognosen untermauert. Die Einnahmen der deutschen Zeitschriften werden einer Studie der Wirtschaftsprüfer von PricewaterhouseCoopers zufolge von etwa 5,5 Mrd. Euro in diesem Jahr auf 5,3 Mrd. in vier Jahren sinken, bei den deutschen Zeitungen geht es um rund 500 Mio. auf knapp 7,3 Mrd. zurück. Der jährliche Zuwachs bei der Online-Werbung dagegen beträgt demnach 6,4 Prozent und soll im Jahr 2018 bei rund 7,0 Mrd. Euro liegen.

Algorithmus schlägt Redaktion

Zustimmung zum von Laurence Mehl angeregten Schritt, technisch Neuland zu betreten, kam vom Geschäftsführer des Musikinternetdienstes Spotify Deutschland, Stefan Zilch. "Algorithmus schlägt Redaktion", sagte er. "Spotify ist deshalb so erfolgreich, weil das Produkt besser ist als die Piraterie." Den Printmedien fehle die "Produkt-Denke". Nicht die Inhalte seien entscheidend. "Content ist mittlerweile überall."


Ein Spotify für Zeitungen hält Mehl jedoch für schwer machbar. Den Lesern gegen eine monatliche Grundgebühr eine Auswahl aus allen Zeitungstiteln zu ermöglichen, sei teuer und technisch sehr schwierig. Außerdem gäben die Zeitungen dann ihre Kundenbeziehungen an den Aggregator ab. Und: "Wir müssten uns mal alle zusammenfinden. Das ist so eine Hürde, die ist bisher ganz selten genommen worden."

Je nach Tageszeit, Wetter und persönlicher Situation zu Hause oder unterwegs höre ein Mensch unterschiedliche Musik, betonte Zilch. Auch eine Zeitung müsse ihren Leser ein situationsbezogenes Produkt anbieten und die Ressortgrenzen überwinden. "Wie kann es sein, dass Google oder Facebook mehr über meine Lesegewohnheiten wissen als der "Spiegel", wenn ich doch den "Spiegel" lese?"

Digitaler Imperialismus

Die Chefredakteurin der "Frankfurter Rundschau", Bascha Mika , hielt dagegen: "Wenn es um digitalen Imperialismus geht, sollten wir den nun nicht als gutes Beispiel nehmen. Dass Verlage ihre Leser nicht so ausforschen wie Google und Facebook das tun, ist ja eher eine Qualität."

Auch der Verleger des "Straubinger Tagblatts", Martin Balle, meinte: "Ich möchte als Medium nicht mitmachen, dass Bedürfnisse immer messbarer werden. Das kann man ja auch manipulieren." Das Leben beginne dort, wo es sich einem Algorithmus entziehe. "Ich hoffe nicht, dass meine Redakteure so funktionieren, dass sie erahnen, was das Bedürfnis des Lesers ist, und darauf eingehen. Das wäre eine billige Beziehung."

Unzufrieden sind die Zeitungsverleger mit der Sonderregelung beim Mindestlohn. "Die Privilegierung, die wir beim Mindestlohn erhalten sollten, läuft so, wie sie ausgeführt ist, komplett ins Leere", sagte der Erste Vorsitzende des Verbands Bayerischer Zeitungsverleger, Andreas Scherer. Die Regelung gelte nur für reine Zeitungszusteller, die es aber kaum noch gebe. Die meisten Austräger verteilten auch Prospekte und Briefe. "So kommen für uns bundesweit Kosten von zusätzlich 220 Mio. Euro auf uns zu." (APA, 23.10.2014)

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