Notenrudimente und Poesie

23. Oktober 2014, 18:00
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Wagners "Tannhäuser" an der Wiener Staatsoper

Wien – Es begann das Vorspiel zwar mit schüchtern-anämischer Blechkunst. Bald jedoch entwickelte sich unter der kundigen Leitung von Peter Schneider ein so opulentes wie energisches Orchesterspiel der Farben und Motive. Und an manchen irrwitzig kühnen Stellen schien jener Wahnsinn intensiv eingefangen, den Regisseur Claus Guth auf der Bühne ausgebreitet hatte – seinerzeit, als die finalen Direktionstage der Ära Ioan Holender sich abzuspielen geruhten.

Guths Arbeit ist psychologisch kühn, subjektiv und voll der alptraumhaften Momente, in denen Figuren verdoppelt werden und stumm auftauchen – als Gespenster eines schmerzhaften Wahns, der die Hauptfigur befällt. Bedauerlicherweise ertönten auch einige vokale Schmerzmomente: Robert Dean Smith (als Tannhäuser) wirkte schon zu Beginn in der Höhe dünn und landete bei seinem Venusberg-Geständniss am Rande des Abbruchs. Da waren nur noch Notenrudimente zu hören, wobei Smith im 3. Akt zur allgemeinen Erleichterung wieder etwas Fuß fasste.

Wäre er in Spitzenform gewesen, hätte es dennoch nicht gereicht, neben Christian Gerhaher (als Wolfram) zu bestehen. Der grandiose Liedsänger zeigte wieder einmal, dass er auch in expressiver instrumentaler Umgebung Präsenz entfalten kann, ohne Timbrezauber einzubüßen. Und dort, wo liedhaftes Singen möglich war, punktete Gerhaher mit kultiviertem Sound und delikater Legatokultur. Weltklasse auch die subtile Darstellung eines fragilen Charakters.

Daneben konnte Camilla Nylund (als Elisabeth) mit Intensität reüssieren, während Iréne Theorin (als Venus) etwas schrill und im Wortbereich neblig-unverständlich wirkte. Tadellos der Chor und solide der Rest des Ensembles. Am Schluss gab es nur Buhs für Smith, vor denen er regelrecht die Flucht ergriff. Gute Besserung. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD, 24.10.2014)

26.10. (17.30), 30.10. und 2.11. 18.00

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