Kanada muss einer brutaleren Welt ins Auge schauen

23. Oktober 2014, 17:35
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Die Anschläge treffen Kanada auch deshalb so hart, weil viele Bürger sich in absoluter Sicherheit wähnten

Zwei ermordete Soldaten, zwei verletzte Opfer, mindestens zwei Attentäter mit islamistischem Gedankengut, zwei Tage des Entsetzens: Für Kanada ist die Zeit der Unschuld vorbei. Diese Einsicht sickert nur langsam in die Köpfe der Kanadier.

Nachdem am Montag ein Terrorist nahe Montreal zwei kanadische Soldaten angefahren und einen von ihnen tödlich verletzt hatte, wollten das manche Kommentatoren erst nur als isolierte Tat eines Einzelgängers sehen. Aber die Schüsse auf einen Soldaten am Kriegsdenkmal in der Hauptstadt Ottawa und im Inneren des Parlamentsgebäudes haben solche Illusionen zerstört.

"Finstere Mahnung"

Das machte auch Regierungschef Stephen Harper in einer Rede an die Kanadier wenige Stunden später klar: Die Ereignisse seien "eine finstere Mahnung, dass Kanada nicht immun gegenüber der Art von terroristischen Angriffen ist, wie wir sie in anderen Ländern gesehen haben."

Kanada ist ein reiches Land mit vielen Immigranten und wirtschaftlich eng mit den USA verbunden. Kritiker prangern Kanadas bisherige Selbstzufriedenheit an: dass sich seine Bewohner und Behörden nicht bedroht, sondern als Ausnahme gefühlt hätten. Man habe sich zu wenig geschützt.

So konnte der 32-jährige Michael Zehaf-Bibeau am Mittwoch relativ einfach ins Parlament in Ottawa eindringen, nicht nur einige Meter, sondern tief in den Korridor hinein. Es gibt zwar einen Metalldetektor, aber den konnte der Angreifer leicht umgehen. "Das ist Inkompetenz", schreibt Kolumnist Michael den Tandt in der National Post: "Die Kanadier haben angesichts dieses Debakels allen Grund, verängstigt zu sein."

Radikale Konvertiten

Es sind Bürger ihres eigenen Landes, Kanadier, die solchen Terror verursachen. Die Parallelen zwischen den beiden Attentätern, die beide erschossen wurden, sind offensichtlich. Michael Zehaf-Bibeau, der Sohn eines mit Libyen verbundenen Geschäftsmannes in Quebec, konvertierte zum Islam, wurde später immer extremer. Laut Zeitungsberichten versuchte er, für die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in Syrien zu kämpfen, aber er habe keine Ausreisepapiere erhalten. Der Mann war früher unter anderem wegen Drogendelikten verurteilt worden und schien psychische Probleme gehabt zu haben.

Auch Martin Rouleau, der am Montag zwei Soldaten mit seinem Auto anfuhr, wollte in Syrien auf Seiten der IS kämpfen. Die Polizei hatte Rouleau schon seit geraumer Zeit beobachtet und stand auch mit ihm und seiner Moschee in Kontakt. Sie nahm ihm den Pass ab und versuchte angeblich, ihn von seinen extremen Ideen abzubringen - aber zu spät.

Neunzig Individuen überwacht

Schon länger gibt es Anzeichen, dass sich quer durch Kanada junge Männer radikalisieren und in einen "Heiligen Krieg" ziehen wollen. Die kanadische Polizei überwachte bisher rund neunzig Individuen mit solchen Absichten. Die Weltöffentlichkeit wurde aufmerksam, als im vergangenen Sommer ein Propagandavideo auftauchte, in dem der zwischenzeitlich gefallene Kanadier André Poulin Jugendliche aus dem Westen als Jihadisten anwarb. Seit 2013 gibt es in Kanada ein Gesetz, das es strafbar macht, im Ausland für Terrorgruppen zu kämpfen. In Vancouver wurde im Juli ein junger Mann deswegen angeklagt.

Die IS rief explizit zu Anschlägen auf kanadische Soldaten auf, da Kanadas Luftwaffe die US-Allianz unterstützt. Für die Attentäter dieser Woche schien das zu genügen: Sie brauchten keiner großangelegten Verschwörung anzugehören. Einen Angriff auf Ottawa hätten die meisten Kanadier allerdings bisher nicht für möglich gehalten. "Kanada wird sich nie einschüchtern lassen", erklärte Premierminister Harper. Aber jetzt müssen die Kanadier einer brutaleren Welt ins Gesicht schauen. (Bernadette Calonego aus Vancouver, DER STANDARD, 24.10.2014)

  • Wehrhaftigkeit nun auch zu Hause. Viele Kanadier hätten trotz der jüngsten Warnungen der Sicherheitskräfte nie geglaubt, dass ihr Land zum Terrorziel werden könnte.
    foto: ap/wyld

    Wehrhaftigkeit nun auch zu Hause. Viele Kanadier hätten trotz der jüngsten Warnungen der Sicherheitskräfte nie geglaubt, dass ihr Land zum Terrorziel werden könnte.

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