Grenzübertritt: Türkei hat Bedingungen für irakische Peschmerga

23. Oktober 2014, 17:29
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Zunächst sollen 200 Kämpfer der kurdischen Regionalregierung im Nordirak über die Türkei in die belagerte syrische Grenzstadt Kobane geschleust werden - ohne Uniform und Waffen. Die gehen gesondert auf Fahrt durch den Korridor

Ankara/Athen - Harf gegen Erdogan heißt das Match, während die Kämpfe in Kobane mit unverminderter Härte weitergehen: Marie Harf, die Sprecherin des US-Außenministeriums, korrigiert das eine Mal den türkischen Präsidenten, widerspricht ihm das andere Mal. Und Tayyip Erdogan, kein Freund zurückhaltender Worte, sagt, wie es wirklich ausschaut im Kriegsgebiet in Syrien - auf dem Boden und in der Luft.

"Die PYD ist eine Terrororganisation", erklärt Erdogan. "Bei uns steht sie nicht auf der Terrorliste", sagt Marie Harf über die Kurden von der Partei der Demokratischen Union, die in Kobane kämpfen. "Es hat sich gezeigt: Was gemacht wurde, war falsch", stellt Erdogan fest und meint den Abwurf von Waffen und Munition für die Kurden über Kobane durch die US-Armee; mindestens eine Kiste soll in die Hände der Terrormiliz "Islamischer Staat" gefallen sein. "Ganz und gar nicht", entgegnet Harf in Washington. Der US-Präsident habe Erdogan am Telefon sehr deutlich gemacht, warum die USA die Bewaffnung der Kurden für wichtig hielten. "Ich habe Schwierigkeiten zu verstehen, warum Kobane für sie strategisch so wichtig ist", grollt Erdogan über die Amerikaner.

Seit Wochenbeginn geht so der Schlagabtausch zwischen den beiden Nato-Verbündeten, jeweils auf Pressekonferenzen und ohne sichtliche Beruhigung. Er sei es auch gewesen, der Barack Obama vorschlug, Kämpfer der kurdischen Peschmerga aus dem Nordirak nach Kobane zu lassen, enthüllte der türkische Präsident. 200 werden es zunächst sein, bestätigte Erdogan am Donnerstag am Rand eines Arbeitsbesuchs im Baltikum. Eine türkische Zeitung wollte gar von 3500 Kämpfern wissen, die nach und nach in die belagerte Stadt gelassen würden.

Namensliste für Behörden

Medienberichten zufolge, die von der Regierung in Ankara zumindest nicht dementiert wurden, wird es eine Liste mit den Namen der 200 Peschmerga geben, die den türkischen Behörden präsentiert werde. Die Kämpfer dürften keine Uniformen tragen und keine Fahnen zeigen, wenn sie über die rund 400 Kilometer Strecke vom irakisch-türkischen Grenzübergang Habur nach Suruç fahren, kurz vor der syrischen Grenzstadt Kobane. Der Korridor wird von türkischem Militär überwacht, die Waffen der Peschmerga werden auf gesonderten Lastwägen mitgeführt und gezählt. Wann sich nun die Soldaten der kurdischen Regionalregierung im Irak auf den Weg machen, war am Donnerstag ungewiss; erwartet wurde, dass die Waffenhilfe der Peschmerga rasch noch über Nacht eintreffen würde.

In Kobane selbst, wo die Islamisten am Donnerstag laut der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte den Westteil der Stadt eroberten, sollen etwa 2000 Kämpfer der kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG), der Miliz der Kurdenpartei PYD ausharren.

Deren Parteichef Salih Müslim gab nun an, die Peschmerga aus dem Irak seien willkommen. Die PYD wollte ursprünglich einen Teil ihrer eigenen Kämpfer aus der Hochburg Qamishli, 250 Kilometer östlich von Kobane und ebenfalls direkt an der türkisch-syrischen Grenze gelegen, holen. Dagegen sperrte sich aber Ankara. Die Miliz der PYD hat jedoch sehr zum Ärger der Türkei einen eigenen Vertreter im Operationskommando der von den USA geführten Koalition gegen die Terrorarmee "Islamischer Staat". (Markus Bernath, DER STANDARD, 24.10.2014)

  • Der türkische Präsident Erdogan bei einer Pressekonferenz in Riga am Donnerstag.
    foto: reuters/ints kalnins

    Der türkische Präsident Erdogan bei einer Pressekonferenz in Riga am Donnerstag.

  • Ein kurdischer Kämpfer beobachtet von der Türkei aus mit dem Feldstecher die Grenze nahe der umkämpften Stadt Kobane.
    foto: reuters/kai pfaffenbach

    Ein kurdischer Kämpfer beobachtet von der Türkei aus mit dem Feldstecher die Grenze nahe der umkämpften Stadt Kobane.

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