"Gottes Krieger" bei Europas größtem Medienwettbewerb

29. Oktober 2014, 16:46
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Gutes Feedback für "Clara Immerwahr" des ORF in der Jury des Prix Europa - Samstag wird er verliehen

Berlin - Clara Immerwahr kommt beim Prix Europa gut weg: "Mir hat's gefallen." - "Gut gemacht." - "Sehr schön." Das Urteil ist etwas wert, nicht nur weil es um Europas größten Medienwettbewerb geht, auch weil die Jurorinnen und Juroren vom Fach sind: Insgesamt mehr als 250 Regisseure, Produzenten und Redakteure kommen nach Berlin, um eine Woche lang rund 210 Programme in acht Kategorien aus Fernsehen, Radio und Online zu sichten und sich Feedback zu ihren eigenen Beiträgen zu holen.

Beim ORF-Beitrag hört Redakteurin Julia Sengstschmid fast nur Gutes. Doch es fallen auch kritische Worte: "Ließ mich kalt", sagt einer. Dass "zu viel hineingepackt" wurde, stört auch.

Mit 3,1 Millionen Euro gehört die österreichisch-deutsche Produktion in jedem Fall zu den teuersten im Wettbewerb. Die Trophäe, ein bronzener Stier, wird Freitag in zwölf Kategorien zu je 6000 Euro vergeben. Den Preis für sein Lebenswerk erhält Borgen-Produzent Ingolf Gabold. Der Prix wird von der EU-Kommission sowie einer Allianz aus 28 Trägern finanziert, darunter 20 europäische Rundfunkanstalten, inklusive ORF. Zu 650.000 Euro Jahresetat steuert der ORF rund 16.000 Euro bei.

"Borgen"-Produzent geehrt

Der Gebührenfunk hat 18 Sendungen eingereicht, fünf schafften es in die Endrunde. Neben dem Biopic von Harald Sicheritz und Susanne Freund sind drei Radiosendungen (Das traurige Spiel um das kleine Glück, Hate Radio, WAGner DICH!). Andreas Prochaskas Spuren des Bösen startet für Deutschland.

Rege Anteilnahme herrscht bei Gottes Krieger, Gottes Feinde: Die Reporter Peter Kullmann und Magdalena Maier sprachen mit Boko-Haram-Terroristen in Nigeria. Dass an dem brisanten Material im ORF die Bildqualität störte, löst bei Juroren Kopfschütteln aus. Ebenso, als Kullmann erzählt, dass 52 Minuten für die Doku nur unter Schwierigkeiten zu kriegen waren. Kurzdokus seien gegen den allgemeinen Trend, sagt Hoffmann. Es gebe das Bedürfnis, sich mit einem Thema länger zu beschäftigen: "Es muss nicht alles unter 20 Minuten sein."

Meisterhaft dokumentiert

Dokus nützen zum Erzählen bindende Figuren, meisterhaft setzt das etwa Karen Stokkendal im dänischen The Agreement um: sie war bei den Serbien-Kosovo-Verhandlungen zwischen EU-Vertreter Robert Cooper, Serbiens Delegiertem Stefanovic und der stellvertretenden kosovarischen Ministerpräsidentin Edita Tahiri.

Trends? "Mut zu herausfordernden gesellschaftspolitischen Themen", sagt Hoffmann: "Die Kunstfigur ist nicht mehr gefragt." Das funktioniert in Politdramen wie dem niederländischen The Prey oder in jüngerer Geschichte im tschechischen Eights. Ganz stark vertreten sind Personendramen, sogar als Musical, wie Ramses aus den Niederlanden. (Doris Priesching aus Berlin, DER STANDARD, 24.10.2014)

Die Reise erfolgte teilweise auf Einladung von Prix Europa.

Reaktion von Peter Kullmann: "Die Bildqualität des Materials hat den ORF zu keiner Zeit gestört, diese Aussage wurde weder von mir, noch von Magdalena Maier jemals getätigt und hat somit auch kein Kopfschütteln in der Jury des Prix Europa ausgelöst. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Im ORF schätzt man die für derartige Doku-/Reportage-Formate außergewöhnliche Bild- und Schnitt-Ästhetik, weswegen die Kubefilm GmbH (Kullmann / Berger / Maier) in den letzten Jahren mehrfach mit derartigen Projekten beauftragt wurde (vgl.: 'Vergeben und Vergessen?', ORF Kreuz&Quer, Ruanda 2011 u.a.) und der ORF unsere Produktionen regelmäßig bei internationalen Festivals einreicht.

Was ggf. zu Ihrer Missinterpretation geführt hat, war meine Schilderung vor der Jury, wie während der Namensinsertierungen im Rahmen der Fertigstellung des Sendebandes in den Räumen des ORF, ein anwesender Techniker ungläubig staunte, dass eine derart 'künstlerische' Gestaltung eines non-fiktionalen Formates auf Sendung geht. Ihre Auslegung meiner Worte, mit der Sie das innovative, kreative Vorgehen des ORF in dieser Sache, wie auch meine Freude darüber, ins Negative verkehren, ist allerdings eine absolute Fehlleistung. Fast schon überflüssig zu erwähnen, dass Sie das Wort 'Bildqualität' so undifferenziert verwenden, dass der Leser dieses als technisches Kriterium begreifen muss, anstatt auf die künstlerische Qualität aufmerksam gemacht zu werden.

Wenn ich erzählte, 'dass 52 Minuten für die Doku nur unter Schwierigkeiten zu kriegen waren', so expressis verbis unter dem Hinweis, dass die Produktion zunächst als Reportage für einen 30-Minuten Sendeplatz eingeplant war. Es liegt in der Natur der Dinge, dass das Ergebnis eines Beitrags über Boko Haram Terror in keinster Weise planbar ist.

Nachdem es tatsächlich zum außergewöhnlichen Scoop eines on-camera Interviews mit Boko Haram gekommen war, konnte das Stück sogar auf 52 Minuten ausgebaut werden, obwohl die Sendeplatz-Norm 45 Minuten ist. Dass dies nicht ohne Weiteres möglich ist, sondern die Programmplanung umgebaut, Sendungen verschoben und Werbeeinschaltungen gekürzt werden müssen ist so selbstredend, wie der Umstand, dass all das nicht auf einen beiläufigen Zuruf hin geschieht. Das an den Tag gelegte Engagement des Senders verkommt in der Konnotation Ihrer Worte zum glatten Gegenteil. Ihre Darstellung ist inhaltlich falsch und lässt sich aus den Ausführungen von Frau Maier und mir vor der Festival Jury nicht ableiten."

Die Redaktion bleibt bei ihrer Darstellung.

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