Egg-Freezing ist für viele Frauen eine Chance

Kommentar der anderen23. Oktober 2014, 17:19
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Die Ankündigung von Apple und Facebook, deren Mitarbeiterinnen das Einfrieren von Eizellen zu bezahlen, hat in Österreich einen Aufschrei ausgelöst - zu Unrecht, meint ein Wiener Fertilitätsexperte

Zunächst einige Fakten zum Thema: Das Alter der erstgebärenden Frauen in Österreich steigt und liegt derzeit im Schnitt bei 29 Jahren. Diese Tatsache ist aus verschiedenen Gründen ein Problem: Erstens sinkt die weibliche Fruchtbarkeit bereits ab dem 33. Lebensjahr, da die Eizellreserve der Frau ständig abnimmt; zweitens nehmen die genetischen Auffälligkeiten des Embryos mit steigendem Alter der Mutter deutlich zu. Gegen diese unglücklichen Umstände gibt es keine ursächliche Behandlung. Damit bleibt als einziger Ausweg die Prävention, und zwar durch die frühzeitige Erhebung der Eizellreserve u. a. mittels Ultraschalls und Bestimmung von AMH (Anti-Müller-Hormon) und FSH (follikelstimulierendes Hormon) sowie bei Bedarf mittels Kryokonservierung, sprich des Einfrierens, von Eizellen. Medizinisch sinnvoll ist diese Form der "Fruchtbarkeitsvorsorge" allerdings nur, wenn sie vor dem 33. Lebensjahr erfolgt.

Das Angebot zweier US-Unternehmen, ihre Mitarbeiterinnen finanziell bei der Verwirklichung ihres Kinderwunsches zu unterstützen, ist eine Reaktion von Unternehmensseite auf eine allgemein bekannte Entwicklung: Vor allem gut ausgebildete Frauen mit spannenden und bereichernden beruflichen Perspektiven verschieben die Verwirklichung ihres Kinderwunsches sehr oft - und, ich unterstelle, aus freien Stücken - auf "später", sei es, weil der richtige Partner noch nicht gefunden ist oder weil sie sich einfach noch nicht bereit für ein Kind fühlen. Das kann sich ausgehen - oder auch nicht. Die Konsequenz sehen wir sowohl allgemein im Rückgang der Geburtenrate als auch individuell in unserem Kinderwunschzentrum: Viele überglückliche Spätgebärende, aber auch bitter enttäuschte Paare, die manchmal schon ab Mitte dreißig damit konfrontiert sind, dass die Reproduktionsmedizin ihnen nicht mehr helfen kann. Warum? Siehe oben.

In Gottes Hand

Die Möglichkeit, ihre Eizellen in einem sinnvollen Alter einzufrieren, bedeutet daher für Frauen nicht mehr und nicht weniger als eine gewisse Chance auf ein Anhalten der vielzitierten und für viele bedrohlichen biologischen Uhr. Warum nur eine "gewisse Chance"? Weil der Eintritt einer Schwangerschaft - oder gar die Geburt eines gesunden Kindes - durch die Kryokonservierung keineswegs garantiert sind: Die Befruchtung, die Einnistung, der Verlauf der Schwangerschaft, die Geburt - die Reise von der Eizelle zum Wunschkind ist weit und ohne Erfolgsgarantie. Je nach Weltanschauung liegt dieser Weg in Gottes Hand oder ist durch Zufall oder Schicksal bestimmt. So oder so bedeutet ein eingefrorenes Ei allein noch lange kein Kind.

Wenn ein US-Unternehmen nun entscheidet, dass es seinen Mitarbeiterinnen die - im US-Gesundheitssystem zweifellos sehr kostspielige - Möglichkeit der Kryokonservierung finanziell erleichtern will, so ist der Aufschrei hierzulande logisch nicht wirklich nachvollziehbar. Natürlich ist eine Gesellschaft überaus wünschenswert, in der Frauen sowohl ein erfülltes Berufsleben als auch ein glückliches Familienleben mit eigenen Kindern haben können. Wir wissen aber nur zu gut, dass dieses wichtige Ziel leider noch nicht vollständig erreicht ist. Besonders pikant ist dabei folgender Umstand: Genau jene Jahre, in denen Frauen beruflich voll durchstarten können und wollen, sind gleichzeitig jene, die biologisch für die Realisierung ihres Kinderwunsches ideal oder zumindest noch günstig sind. Social Egg-Freezing ist eine mögliche Antwort auf dieses Dilemma, indem es den Frauen de facto Zeit schenkt und etwas Druck nimmt. Wer diesem Gedankengang grundsätzlich folgen kann, der sollte auch kein Problem damit haben, dass es in den USA neuerdings Unternehmen gibt, die die Kryokonservierung finanziell unterstützen. Solange auf die Mitarbeiterinnen kein Druck ausgeübt wird - und wer jemals in den USA gearbeitet hat, weiß, dass jede Anwandlung in diese Richtung mit Sicherheit drastisch geahndet wird -, könnte man fast salopp sagen: So what?

Wie auch immer man zur Kryokonservierung steht - es braucht in jedem Fall einen klaren gesetzlichen Rahmen. Davon kann in Österreich derzeit leider keine Rede sein. Das Einfrieren von Eizellen ist nur im Fall einer medizinischen Indikation erlaubt, und der entsprechende alte Passus des Fortpflanzungsmedizingesetzes ist nicht eindeutig formuliert.

Eine Berücksichtigung des massiven medizinischen Fortschritts in der vergangenen Dekade ist aus unserer Sicht dringend notwendig. Es steht zu hoffen, dass die mit Ende des Jahres fällige Gesetzesnovelle auch in dieser Frage Klarheit bringen wird - ebenso wie hinsichtlich der verschiedenen neuen Entwicklungen im Bereich der Präimplantationsdiagnostik.

Selbst wenn die Kryokonservierung jeder Frau offenstünde, gälte es bei uns Aufklärung auf einem anderen Level zu betreiben. Denn der Wissensstand der Österreicherinnen zum Abfall der Fruchtbarkeit ab dem 33. Lebensjahr ist erschreckend gering. Auch der Einfluss des Lebensstils, sprich Rauchen, Alkoholkonsum, Ernährung, Bewegung, Gewicht und Stress, ist vielen Frauen nicht bewusst - geschweige denn die Möglichkeit, die verbleibenden fruchtbaren Jahre feststellen zu lassen oder im Fall des Falles eine Kryokonservierung durchzuführen.

Keinesfalls darf Social Egg-Freezing als Ersatz für ein günstiges politisches und gesellschaftliches Umfeld zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie gesehen werden. Vielmehr kann es eine von vielen Maßnahmen sein, die Frauen mehr Selbstbestimmung geben. Egal, wer zahlt. (Heinz Strohmer, DER STANDARD, 24.10.2014)

Univ.-Prof. Dr. Heinz Strohmer (Jahrgang 1964) ist gemeinsam mit Univ.-Prof. Dr. Andreas Obruca Gründer und Leiter des Kinderwunschzentrums Goldenes Kreuz, einer der führenden Fertilitätskliniken Europas.

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