"Ingress": Spieler-Aufstand nach Ausschlüssen und Problemen

24. Oktober 2014, 09:27
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Ausschluss von Planern von der Spielkarte - Kritik an Kommunikation der Betreiber

Derzeit herrscht zwischen Niantic Labs, den Betreibern des Augmented Reality-Spiels "Ingress", und einem Gutteil seiner Community Anspannung. Unerfüllte, alte Forderungen und Vorfälle aus den letzten Wochen und Monaten haben das Verhältnis merkbar belastet. Der GameStandard hat die Ursachen des Konflikts ergründet und mit Spielern beider Fraktionen gesprochen.

Bots beeinflussten Event

Vor kurzem wurde mit "Darsana" eine neue Eventreihe eröffnet, in der Niantic Spieler beider Fraktionen in verschiedenen Städten bewerbsartig gegeneinander antreten lässt. Agenten der Enlightened sahen sich auf einem Nebenschauplatz des ersten Termins, der litauischen Hauptstadt Vilnius, allerdings nicht nur mit realen Gegenspielern der Resistance konfrontiert, sondern auch mit zumindest 280 ferngesteuerten Bots, die der blauen Fraktion kräftig bei der Portalverteidigung geholfen haben sollen.

Wer hinter den unerbetenen Gästen steckt, ist unklar. Forderungen nach Aufklärung kommen von grüner wie blauer Seite. Niantic hat die Ereignisse offiziell bislang nicht thematisiert. Probleme mit Bots sind allerdings nichts Unbekanntes in "Ingress". In der Vergangenheit kam es teilweise zur Übernahme ganzer Städte durch nicht reale Spieler in Grün und Blau. Die Situation entschärfte erst die Einführung eines Verifikationsmechanismus. Neue Spieler müssen ihre Telefonnummer per SMS bestätigen, andernfalls können sie keine höheren Level erreichen und verfügen über weniger Platz für im Spiel verwendbare Gegenstände.

screenshot: derstandard.at
Die Standard-Karte von "Ingress" bietet eine Übersicht über Portale, Links und Felder. Planungsfunktionen sind nicht enthalten.

Funktionsarme Portalkarte

Während das Spiel in den letzten Monaten um neue Inhalte und Funktionen – darunter höhere Levels und Missionen – erweitert wurde, ist eine alter Forderung der Spielerschaft nach wie vor unerfüllt. Die Intel Map, jene Karte mit der man sich eine Übersicht über die Portalwelt des Spieles verschaffen kann, bietet nach wie vor nur minimale Funktionalität. Auch einen offiziellen mobilen Client gibt es nicht.

Dabei ist die Map gerade ein wichtiges Werkzeug für einen Kernaspekt des Spieles. Global und regional können Fraktionen nur durch das Errichten von Feldern punkten, die beim Verbinden von Portalen in einem Dreieck entstehen. Da sich die dazwischen gespannten Links, egal ob sie von der blauen oder grünen Fraktion stammen, nicht kreuzen dürfen, erfordert vor allem die Planung und Erstellung großer Felder viel Aufwand und entsprechende Tools.

Operatoren als Feldplaner

Auf beiden Seiten haben sich einige Spieler, genannt "Operatoren", auf diese Tätigkeit spezialisiert. Dass sie und viele andere dabei nicht die offizielle Karte, sondern eine umfangreiche, per Browser-Skript realisierte Erweiterung namens IITC (Ingress Intel Total Conversion) nutzen, gilt schon lange als offenes Geheimnis. Das Problem: Niantic sieht die IITC im Widerspruch zu den Spielbedingungen und hat auch bereits Sperren für die Verwendung der alternativen Karte ausgesprochen.

Infolge dessen haben manche Spieler nun Zweitaccounts angelegt, um sie ohne Gefährdung ihres eigentlichen Spielkontos zu verwenden – was ebenfals einen Bruch der Terms of Service darstellt.

foto: screenshot
Die IITC ist eine per Browserskript umgesetzte Alternativversion der Intel. Hier zu sehen: Ein geplantes Feld, nebst automatisch markierter Links, die vor der Errichtung beseitigt werden müssen.

Automatisierte Suche nach Langzeitportalen

Ein weiteres Problem ist Niantic mit der Einführung der "Guardian"-Medaille erwachsen. Neben Erfahrungspunkten (AP) benötigen Spieler verschiedene Medaillen, um die Level 9 bis 16 zu erreichen. Die meisten davon basieren auf gesamtstatistischen Werten wie "eingenommene Portale" oder "erstellte Felder". Der Guardian-Badge allerdings setzt voraus, ein Portal über längere Zeit zu halten. Die höchste Medaillenstufe (schwarz) erlangt, wer das gleiche Portal 150 Tage lang in seinem Besitz halten kann.

Infolgedessen entwickelten überambitionierte Spieler beider Seiten automatisierte Methoden, um Langzeitportale ihrer Gegner aufzuspüren. Per Algorithmus werden dabei die Intel Map abgesucht und öffentliche Aktionsmeldungen des Spiels durchforstet. Gezielte Ausflüge zu Portalen von Gegnern, oft kurz vor Erreichen der Medaille, führte vielerorts zu Friktionen zwischen Grün und Blau.

Anti-Cheat-Maßnahme mit Folgen

Als Reaktion auf die automatische Guardiansuche modifizierte Niantic offenbar sein System zur Erkennung von derartigen Schummelversuchen. Weil dabei anscheinend die Zugriffshäufigkeit auf die Karte eine Rolle spielt, hatte dies jedoch weitreichende Kollateralschäden zur Folge: Die Sperrung des Zugriffs auf die Karte für viele aktive Operatoren der Enlightened und Resistance.

#IntelIsNotACrime

Auf Google+, dem für "Ingress"-Belange meistgenutzten Social Network, brach daraufhin ein Proteststurm los. Unter dem Hashtag #IntelIsNotACrime ("Die Map ist kein Verbrechen") entlud sich der Frust von Spielern und Operatoren in Richtung Niantic.

Vorgeworfen wird den Machern des Spiels auch Heuchelei. Denn oft gelingen beiden Fraktionen spektakuläre Feldaktionen. Mit "Green Marble" bzw. "Unight8" gelang es den Erleuchteten und dem Widerstand zum Beispiel, jeweils einen guten Teil des Planeten virtuell in ihre Farbe zu hüllen. Unterfangen, die vom offiziellen Ingress-Account nur zu gerne geteilt werden. Das aber nur, wenn Screenshots davon ausschließlich auf der Standard-Karte angefertigt werden.

kent long

Keine großen Felder ohne IITC

Doch Operationen dieser Art, als auch auf lokaler Ebene seien ohne den Zeichen- und Planungswerkzeugen, die über die IITC verfügbar sind, gar nicht möglich. Das betonen sowohl der Resistance-Agent matspa, als auch der Enlightened-Spieler smover gegenüber dem GameStandard. Beide sind verdiente Operatoren der österreichischen Spielerschaft und haben bereits an zahlreichen Großaktionen mitgewirkt.

Die IITC wird unter den aktiven Spielern wahrscheinlich häufiger verwendet, als die Standard-Map, vermutet smover. Er zeigt Verständnis für jene Agents, die aus Angst vor einer Sperre nur noch mit einem Zweitaccount darauf zugreifen.

"Niantic war noch nie gut im Zuhören"

Spieler matspa sieht die normale Karte für jegliche Art von Planung aufgrund ihrer Defizite als nutzlos an. "Niantic war noch nie gut beim Zuhören, und ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass es in Zukunft besser werden wird", bemängelt er.

Von Niantic hat mittlerweile John Hanke Stellung zum Protest bezogen. Er betont, dass man im Hinblick auf die Guardian-Jagd versuche, Aktivität zu unterbinden. Man wisse, dass die Operatoren ein wichtiger Teil von "Ingress" seien und ihre Nachricht gehört wurde. Konkrete Ankündigungen sind allerdings nicht zu lesen.

Was der offiziellen Intel Map abgeht, darüber sind sich smover und matspa einig. Die Karte solle alle Portale auch bei höherem Zoomlevel anzeigen können und benötigt dringend Planungs- und Zeichentools. Auch eine Verbesserung der oft behäbigen Ladezeiten und der Abruf der Straßenadresse von Portalen steht auf der Wunschliste. Forderungen, die es im Grunde seit mehr als einem Jahr gibt.

foto: : alex glabrezu
Unter dem zweiten Hashtag #MadewithIITC bekennen sich Spieler nunmehr öffentlich zur Verwendung der alternativen Map.

Entwickler wollen"verstärkt an der Intel Map arbeiten"

Der GameStandard hat bei Anne Beuttenmüller, Zuständig für die Betreuung der "Ingress"-Community in Europa erkundigt, ob die Spieler nun mit der Implementation solcher Funktionen rechnen dürfen. Details dürfe sie nicht nennen, so die Antwort, doch das Thema genieße nun "hohe Priorität" und man werde "verstärkt an der Intel Map arbeiten".

Wenngleich dies zwischen den Zeilen durchaus hoffnungsfrohe Interpretationen zulässt, dürfte diese Antwort viele Spieler nicht zufrieden stellen. Was einen weiteren wunden Punkt in der Beziehung zur Spielergemeinde aufwirft, die auch mit der Informationspolitik der "Ingress"-Betreiber oft nicht glücklich ist. (Georg Pichler, derStandard.at, 24.10.2014)

Anmerkung: Der Autor spielt unter dem Nick peorg als Enlightened-Agent in Wien.

ingress
Ein Vorstellungs- und Anleitungsvideo zu "Ingress".


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