Ist Distanz ein Hindernis? Auf Ausflug mit dem Elektroauto Nissan Leaf

Userartikel23. Oktober 2014, 14:17
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Gelingt es mit einem E-Auto über 120 Kilometer von Wien ins Mostviertel zurückzulegen, dort aufzuladen und die Strecke am gleichen Tag wieder zurückzufahren? Ein Abenteuerbericht von Testfahrerin Barbara Bürbaumer

Wir haben vor, uns ein Elektroauto zuzulegen, und zwar nicht als Zweit- oder Stadtauto, sondern als einziges Familien-Auto. Deswegen sollte das Elektroauto für unsere Mobilitätsbedürnisse gut geeignet sein. Dazu gehört zunächst das tägliche Pendeln aus dem Wiener Umland zu meinem Arbeitsplatz in Wien. Diese 20 Kilometer in eine Richtung sind kein Problem. Anders sieht es bei längeren Fahrten aus, z.B. zu den Großeltern ins Mostviertel. Oft fahren wir mit der Bahn, manchmal würden wir aber aus logistischen Gründen gerne das Auto benützen. Dies wollten wir im Testmonat mit dem Nissan Leaf ausprobieren: Wo sind die Probleme bei diesem größeren Ausflug? Kommen wir ohne Aufladung ans Ziel? Und wenn nein, finden wir eine Lademöglichkeit?

Auf Reisen mit dem Nissan Leaf

Wir starten die Distanz von 122 Kilometern (wissen wir noch genau von unserer Plug-In-Hybrid-Exkursion) mit einem zu 98 Prozent geladenem Tank. Laut Werbung sollte dies für bis zu 190 Kilometer reichen, laut eigener Anzeige am Armaturenbrett für 150 Kilometer. Doch diese Tankanzeige ist eine Hochrechnung, das bedeutet, sie ist abhängig vom vorherigen Fahrverhalten. So rechnet der Computer hoch, wie weit man mit dieser Fahrweise noch kommt. Da wir bisher kaum auf der Autobahn gefahren sind, ist uns klar, dass die 150 Kilometer illusorisch sind.

Wien Umgebung als Paradies für E-Autos

Auf der Autobahn fahren wir zwischen 100 und 120 km/h im Ecomodus. Mein Mann hat sich auf der Website e-tankstellen-finder.at umgesehen, wo Schnellladestationen vorhanden sind und wir nutzen die Hinfahrt mit vollem Tank gleich zum Testen, wo wir bei der Rückfahrt mit dann fast leerem Tank aufladen könnten. Die erste Schnelllademöglichkeit außerhalb Wiens nahe der A1 ist Steinhäusl – ein Paradies. In 100 Metern Entfernung zur OMV-Raststation gibt es gleich drei E-Auto-Parkplätze mit drei verschiedenen Lademöglichkeiten (Typ1-Stecker, Typ2-Stecker, Chademo-Gleichstromstecker: mehr zur Steckertheorie im nächsten Blogeintrag), also für jeden das richtige. Hier können wir jederzeit herkommen, aufladen und uns die Zeit von ca. 30 Minuten mit einem kleinen Imbiss versüßen. Doch so kurz nach Wien brauchen wir noch keinen Strom, wir fahren daher gleich weiter.

Eine Enttäuschung nach der anderen

Die nächsten Schnellladestationen sind leider Reinfälle. Bei Loosdorf kommen wir zu einer Schnellladestation, die in die Kategorie worst practise fällt. Auf einem einsamen Parkplatz, ohne Imbiss, Shop für ein Getränk oder Toiletten unter einer Menge Hochspannungsleitungen – man hört richtig das Knistern – nehmen wir unseren Mut zusammen und stecken den Nissan an die Ladestation an. Unser Chademo-Kabel passt nicht, daher können wir nur unser Standardladekabel anstecken und mit entsprechender Geschwindigkeit beginnt sich das Auto aufzuladen. Wir müssten nur ca. zehn Stunden an diesem himmlischen Platz des Stromes verbringen und das Auto wäre vollgeladen – eine traumhafte Vorstellung!

Wir fahren weiter

Gott sei Dank ist dies nur ein Test und unser Akku ist noch ausreichend voll. Nun sind wir jedoch gewarnt, dass es auf der Rückfahrt eng werden könnte. Wir haben seit Steinhäusl keine Schnelladestation mit Chademo-Anschlußmöglichkeit direkt bei der Autobahn gefunden! Bis Amstetten ändert sich an diesem Umstand nichts, kein Chademo-Stecker. So fahren wir weiter bis zur Autobahnabfahrt Amstetten, die Anzeige zeigt jetzt 20 Kilometer verbliebene Restreichweite und wir kommen in den Warnmodus. Noch einmal zur Erklärung: die Gefahr stehen zu bleiben ist nicht das Problem, es gibt ausreichend Ladestationen (etwa alle fünf Kilometer), nur sind diese keine Chademo-Schnellladestationen, das heißt das Laden dauert mit dem Nissan Leaf sehr lange und ist daher nicht komfortabel. Man könnte es zwar mit einem Einkauf kombinieren , z.B. im Einkaufszentrum von Amstetten, aber wir wollen jetzt nicht einkaufen, sondern zu Oma zum Mittagessen. Deswegen fahren wir durch und schaffen es doch noch recht deutlich. Die Kilometer-Vorhersage bleibt ab der Autobahnabfahrt fast stehen, da wir jetzt deutlich langsamer fahren, und fällt auf 12 Kilometer Restdistanz. Von 20 auf 15 Kilometer, was mathematisch etwas seltsam ist, aber dadurch zu erklären, dass es eine Hochrechnung und kein Status ist.

Wir haben ein Problem

Wir kommen bei den Großeltern an, stecken das E-Auto an den normalen Schukostecker und haben ein Problem. Wir haben nur vor etwa vier bis fünf Stunden bei den Großeltern zu bleiben, das heißt der Akku wird sich von zehn nur auf ca. 55 Prozent aufladen und damit kommen wir nicht bis nach Hause. Das heißt, wir benötigen eine Schnellladung am Heimweg. Die erste bei der Autobahn ist erst bei Steinhäusl, das wird sich mit 55 Prozent nicht ausgehen. Die beste Lösung ist, bei St. Pölten von der A1 abzufahren und ins Zentrum von St. Pölten beim Landhaus den Nissan aufzutanken. Dort soll es einen Chademo-Anschluß geben. Das machen wir und es geht sich alles gut aus, wir erreichen den reservierten E-Parkplatz beim Landhaus und starten die Schnellladung. Doch auch dieser Ort ist am Samstag um 19 Uhr eher unbelebt, daher spazieren wir 15 Minuten ins Ortszentrum, um uns ein Abendessen zu genehmigen. Wir genießen das Essen und kehren zurück zu unserem Nissan Leaf, der auch mittlerweile gut gefüllt auf uns wartet – und das kostenlos! Der restliche Weg nach Hause wird im verschwenderischen Modus bei 130 km/h absolviert. Hier kann der Nissan Leaf mal seine ganze Power zeigen – nicht schlecht!

Fazit nach einer Reise mit dem Nissan Leaf

Die Fahrt ins Mostviertel ist ohne Aufladen möglich, 120 Kilometer auf der Autobahn gehen sich knapp aber doch aus. Das Problem entwickelt sich erst auf der Rückfahrt oder bei noch längeren Strecken. Der Mangel an Möglichkeiten zum Schnelladen, speziell für den Nissan Leaf, ist es, der uns in der Planung ziemlich einschränkt. Die Ursache dafür ist die noch immer nicht ausreichend gelöste Kabel- und Steckerfrage. Deswegen wird der nächste Blogeintrag ganz diesem Thema gewidmet – einer Einführung in die Kabel- und Stecktheorie für Anfänger. (Barbara Bürbaumer, derStandard.at, 23.10.2014)

Hinweis: Die Autos wurden von den jeweiligen Herstellern für den Testzeitraum zur Verfügung gestellt, der Kooperationspartner Smatrics bietet den Strom für die Elektrofahrzeuge an. Der Beitrag gibt die persönliche Meinung des Users wieder.

  • Die Ladestandsanzeige des Nissan Leaf informiert über eine hochgerechnete Restdistanz.
    foto: barbara bürbaumer

    Die Ladestandsanzeige des Nissan Leaf informiert über eine hochgerechnete Restdistanz.

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