"Dulce de Leche" des Fußballs

22. Oktober 2014, 18:04
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Bayerns Auftritt in Rom versüßte einen an Toren üppigen Abend. Tags darauf ward dem deutschen Rekordmeister eine Audienz bei Papst Franziskus beschert, der das Gesehene nur für die Münchner völlig richtig "wunderschön" nannte

Vatikanstadt/Wien - Für die Titelkünstler der Gazzetta dello Sport war es "Il Sacco di Roma", auch wenn sich ein Vergleich des Wirkens des FC Bayern am Abend des 21. Oktobers 2014 im Stadio Olimpico mit dem Wüten der Soldateska Kaiser Karls V. nach der Einnahme Roms und des Kirchenstaats ab 6. Mai 1527 natürlich völlig verbietet.

Creme aus Milch, Zucker und Vanille

Papst Franziskus nannte die Vorstellung des deutschen Rekordmeisters beim 7:1 gegen die arme AS Roma in der Champions League schlicht und vor allem richtiger ein "wunderschönes Spiel". Quasi ein "Dulce de Leche" des Fußballs.

Diese Creme aus Milch, Zucker und Vanille soll der Argentinier furchtbar gerne essen, wie der Schweizergardist und Koch David Geisser aktuell in einem Buch enthüllt. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Die Bayern waren schließlich nicht zum Essen eingeladen, am Mittwoch im Vatikan. Sie kamen zu einer 25-minütigen Privataudienz, um sich glaubensunabhängig segnen zu lassen. Und jedenfalls, um dem Papst neben den üblichen ballesterischen Mitbringseln wie einem Trikot mit der Nummer 1 und dem Namenszug Franziskus (solche hat der bekennende Fußballfreund mittlerweile Dutzende) auch einen autogrammgeschmückten Ball zu überreichen, der für eine Million Euro steht, die nicht der Kirche, sondern dem Papst persönlich zur Verfügung gestellt wird. Für Mildtätigkeit seiner Wahl quasi, "um Menschen in Not, egal welchen Glaubens und wo auf der Welt, spontan zu helfen", wie Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge sagte.

UEFA blutet

Die Bayern werden zum Behufe der Spendenbeschaffung im kommenden Jahr ein Freundschaftsspiel geben, allerdings hat auch der Kantersieg gegen Roma eine runde Million eingebracht. Wie jeder andere Sieg in der Königsklasse auch - Prämien für Torfluten gibt es nämlich nicht einmal im Schlaraffenland des Klubfußballs.

Da hätte sich der organisierende europäische Verband UEFA finanziell ziemlich ausgeblutet an diesem denkwürdigen Dienstagabend, an dem in acht Gruppenspielen insgesamt 40 Treffer verbucht wurden - acht in Rom, je sieben auf Schalke beim 4:3 der Hausherren gegen Sporting Lissabon sowie beim makellosen Triumph des ukrainischen Champions Donezk beim weißrussischen Meister Borisow und immer noch sechs an der Stamford Bridge, wo Chelsea den NK Maribor abwatschte.

Die größte Show war allerdings die bayerische, da Roma schon eine Chance zugebilligt worden war, ehe die Mannschaft um den an diesem Abend wirklich alt aussehenden Francesco Totti (38) ein fast identisches Schicksal ereilte wie im Sommer Brasiliens Seleção im Halbfinale der Heim-WM gegen Deutschland.

"Unfall"

Romas Coach Rudi Garcia nahm die Schuld auf sich, die Anlage der desaströsen ersten Hälfte sei natürlich sein Fehler, nicht jener der Spieler gewesen. Kollege Josep Guardiola tröstete, sprach von einer Ausnahme, einem "Unfall. Es spiegelt nicht den Unterschied zwischen den zwei Teams wider." Und der Katalane vergaß auch nicht auf die 20 Minuten nach der Pause, in denen die Bayern mehr als nur das eine Gegentor kassieren hätten können und ihren Goalie Manuel Neuer strahlender glänzen ließen, als der sich das gewünscht haben mag.

Auch Guardiolas Mannen waren jeglicher Überheblichkeit abhold. Rummenigge lobte beim Abschlussbankett die Seriosität seiner Mannschaft, die Stimmung, die zur Pause in der Kabine geherrscht hatte. Er habe "keine Arroganz, keine Häme" gesehen.

Unerreichbar in puncto Demut war aber schon der Papst, der an die Bayern kleine Kreuze verschenkte, für den Besuch dankte und um Gebete bat: "Ich brauche sie", sagte Franziskus. (sid, lü, DER STANDARD, 23.10.2014)

  • Die bayerischen Schäfchen umringen Papst Franziskus. Österreichs  Teamspieler David Alaba (links zweite Reihe, Fünfter von rechts) war  nach der Audienz beim Pontifex laut kathpress.at "unheimlich  beeindruckt" und sprach von einem "der größten Erlebnisse in meinem  Leben".
    foto: reuters/romano

    Die bayerischen Schäfchen umringen Papst Franziskus. Österreichs Teamspieler David Alaba (links zweite Reihe, Fünfter von rechts) war nach der Audienz beim Pontifex laut kathpress.at "unheimlich beeindruckt" und sprach von einem "der größten Erlebnisse in meinem Leben".

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