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Video30. Oktober 2014, 05:30

Die schön verzierten Lüftungsgitter sind heute noch zu sehen. Die Akustik ist so ausgezeichnet, dass man in dem kleinen Raum jedes Wort aus dem Kongresssaal versteht. Vor zweihundert Jahren saßen hier an einem langen Tisch zehn Schreiber, jeder schrieb einen Halbsatz mit - so entstand ein Protokoll. Der Raum heißt noch heute im Jargon der Kanzleramtsmitarbeiter Abhörkammerl - und bestätigt den Ruf des damaligen Außenministers Fürst Klemens Metternich als Geheimdienstexperte.

derstandard.at/von usslar
Die Geschichte der fünf Türen.

"Aber die Geschichte mit den fünf Türen ist ein Holler." Manfred Matzka findet amüsant, dass die Schnurre immer wieder erzählt wird. Angeblich wollte Kaiser Franz I. bei der Eröffnungszeremonie des Wiener Kongresses im Herbst 1814 protokollarische Schwierigkeiten vermeiden und ließ deshalb fünf Türen in den Kongresssaal im Palais am Ballhausplatz einbauen, damit die Vertreter Preußens, Russlands, Großbritanniens, Frankreichs und Österreichs gleichzeitig eintreten konnten. "Man muss die Pläne des Hauses aus verschiedenen Epochen übereinanderlegen, dann sieht man sofort, das stimmt nicht", erklärt der Sektionschef, der wie kein anderer die Geschichte des nunmehrigen Bundeskanzleramtes und damaligen Amts- und Wohnsitzes von Metternich kennt.

Verborgene Abstellkammern

Fünf Türen gibt es noch immer. Eine davon öffnet sich in den Marmor-Ecksalon, wo Bundeskanzler Engelbert Dollfuß, Begründer des austrofaschistischen Ständestaates, beim Putschversuch von Nationalsozialisten 1934 erschossen wurde. Wenn man zwei der anderen opulent verzierten Türen öffnet, dann verbergen sich dahinter sehr kleine Abstellkammern. Heute findet in diesem Saal allwöchentlich das Pressefoyer nach dem Ministerrat statt, sein Bild ist aus den Medien bekannt. Die Szenen von damals hielten Maler fest.

foto: standard/cremer
Wo einst der Kongress tagte, finden heute im Kanzleramt die Pressekonferenzen nach dem Ministerrat statt.

Bevor die Delegationen aus mehr als 200 Staaten und Herrschaftshäusern zur Konferenz in Wien eintrafen, wo es um nicht weniger als die Neuordnung Europas nach den Eroberungskriegen Napoleons ging, wurde das Budget des Wiener Geheimdienstes um 500 Prozent aufgestockt. Polizeiminister Baron Hager bemühte sich, ein weit gespanntes Netz von Agenten und Mitarbeitern aufzubauen. Briefe und Depeschen wurden abgefangen und landeten wie anderweitig gesammelte Informationen im Ziffernkabinett in der Hofburg zur Auswertung.

Kaiser Franz I. war mit seinem Hofstaat nach Schönbrunn übersiedelt und hatte die Hofburg Gästen wie dem russischen Zaren Alexander I., Enkel von Katharina der Großen, und dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. überlassen. Den Gästen standen 300 Kutschen zur Verfügung, von denen einige derzeit in einer Ausstellung im Wagenburg-Museum in Schönbrunn zu besichtigen sind. Die britische Delegation logierte in 22 Räumen am Minoritenplatz, die Franzosen im Palais Kaunitz in der Johannesgasse.

Die Kosten für diese Großveranstaltung waren für Österreich, das drei Jahre davor Staatsbankrott angemeldet hatte, enorm. Aber Kongressieren war allemal billiger als Kriegführen.

foto: standard/cremer
Die Luftschächte mit Zusatzfunktion.

Außerdem waren alle in die damals drittgrößte Stadt Europas gekommen mit der Erwartung, die Verhandlungen würden in drei bis vier Wochen abgeschlossen sein. Dabei ging es um machtpolitisch heikle Fragen. Hauptstreitpunkte waren Sachsen und Polen. Anders als nach dem Ersten Weltkrieg unterlagen die vier Siegermächte nicht der Versuchung, den Kriegsverlierer vollends zu demütigen. Französische Vertreter wurden zum Kongress nach Wien eingeladen und konnten mitbestimmen.

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Manfred Matzka, Sektionschef und Kongressexperte.

Die Verhandlungen gestalteten sich von Anfang an zäh, man konnte sich nicht einmal auf Formalitäten zur Eröffnung einigen. Die einen sehen den 18. September 1814 als offiziellen Beginn an, als die Staatsminister der Allianzmächte nach Wien kamen; andere den Einzug des preußischen Königs und russischen Zaren am 25. September. Der österreichische Historiker Manfried Rauchensteiner nennt den 30. Oktober als Eröffnungsdatum für den Kongress, die Öffentlichkeit erfuhr aber nichts davon: "Die Wiener Zeitung nahm davon überhaupt keine Notiz." Der britisch-amerikanische Historiker David King ist dagegen der Ansicht, dass der Kongress gar nie wirklich eröffnet worden ist, weil man sich über das formale Tagungsprozedere und die Abstimmungsmodalitäten nicht einig wurde. Genau genommen hat er nie getagt, meint sein deutscher Kollege Eberhard Straub.

Aber er arbeitete, und zwar - das war verhandlungstechnisch neu - in Kommissionen. Als Erstes wurde eine Rangkonvention vereinbart, die den diplomatischen Verkehr regelt - und teilweise noch heute Bestand hat. Keine Verständigung wurde bei einem heute noch aktuellen Thema erreicht: das Urheberrecht zum Schutz geistigen Eigentums. Das forderte der Stuttgarter Verleger Johann Georg Cotta, der 81 deutsche Verlage repräsentierte. Auch Jacob Grimm, Verfasser der Märchen, war zur Kongresszeit in Wien.

"Der Kongress geht nicht vorwärts, er tanzt."

Diskutiert wurde nicht nur im Kongresssaal, sondern auch in Salons und Ballsälen: Zum Bonmot wurde der Satz des aus Flandern stammenden Fürsten de Ligne: "Der Kongress geht nicht vorwärts, er tanzt." Jeden Abend wurden in der Hofburg 40 bis 50 Tische mit Spezialitäten beladen. Eine Bewirtungsliste eines Balles ist erhalten: Serviert wurden 2500 bis 3000 Liter Suppe, 300 Stück Schinken, 200 Rebhühner, 200 Tauben, 150 Fasane, 100 Hasen, 3500 Kekse und 60 Gugelhupf und mehrere Dutzend Sorten Wein.

Viele Feste fanden in Metternichs Sommervilla statt - heute Sitz der italienischen Botschaft am Rennweg. Trotz der Verhandlungen fand Metternich Zeit, jeden Tag ins Palais Palm zu schlüpfen. Er musste vom Ballhausplatz nur eine Gasse überqueren, um zu seiner Geliebten Wilhelmine von Sagan zu gelangen. Im anderen Flügel ging der Zar bei der früheren Favoritin Metternichs, Fürstin Bagration, ein und aus. Das Palais Palm gibt es nicht mehr, dort steht heute das Burgtheater.

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Wie Metternichs Schreiberlinge das Abhörkammerl nutzten.

Trotz der Ausschweifungen wurde am 9. Juni 1815 ein Abschluss erzielt - beschleunigt durch Napoleons Flucht von Elba und seinen hundert Tage währenden Feldzug, der in der Schlacht bei Waterloo sein Ende fand. So wurde über Sklavenhandel diskutiert, die Neutralität der Schweiz garantiert, die Freiheit der Meere proklamiert, diplomatische Abläufe standardisiert und Kunstwerke restituiert. Es begann, was Henry Kissinger als die längste je gekannte Friedensperiode in Europa bezeichnet hat.

Das "Europäische Konzert" war Vorläufer der heutigen EU: Konfliktlösung im Geiste der Verständigung und Zusammenarbeit zwischen Staaten in Europa in allen möglichen Bereichen. Wie einst braucht es auch einen Koordinator, dies ist heutzutage die EU-Ratspräsidentschaft, die Österreich 2006 innehatte. Wien rüstete sich wie damals für den Empfang der Gäste. Der ramponierte Teppich, ein Geschenk des osmanischen Sultans, im Kongresssaal wurde neu geknüpft, die Ausschreibung hatte eine türkische Firma gewonnen, erzählt Matzka: "So fand die Ratspräsidentschaft auf türkischem Teppich statt." (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, 30.10.2014)