Nußdorfer Straße: Der leise Verfall im Bezirk der Gegensätze

23. Oktober 2014, 05:30
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Immer mehr Schaufenster in der Nußdorfer Straße in Wien-Alsergrund bleiben leer. Auch die Gastronomie verabschiedet sich. Ein Rettungsanker könnten Startups werden

Wien - Die Nußdorfer Straße im neunten Wiener Gemeindebezirk ist "zu vermieten". Diese Worte jedenfalls springen Vorübergehenden aus den Schaufenstern zwischen Gürtel und Währinger Straße ins Auge. Schon länger nimmt hier der Leerstand zu. Allein in den letzten Monaten haben etliche Geschäfte im Viertel geschlossen: Bäckerei, Bankfiliale, Eisenwarenhandlung, Restaurant, Blumenladen.

Der Alsergrund ist ein Distrikt der Gegensätze. Akademischer Boden - Universitätsinstitute, Liechtensteinpalais, Bildungsbürgertum - mit schmuddeligem Rand - Gürtel, Bahnhof, Donaukanal. Dazwischen eine Müllverbrennungsanlage mit Hundertwasserfassade, das verwaiste WU-Gebäude und Franz Schuberts Geburtshaus.

Fehlende Vernetzung

Das grundlegende Problem in der Nußdorfer Straße sei der fehlende Zusammenhalt der Geschäftstreibenden, erklärt Katharina Brauner vom Wiener Einkaufsstraßenverein. Auch Bezirksvorsteherin Martina Malyar (SPÖ) klagt über die fehlende Vernetzung, besonders unter den Hauseigentümern. Die meisten seien lediglich an langfristigen Geschäftsmietern interessiert. Doch solche finden sich nicht mehr. Den Leerstand steuerlich abzuschreiben lohne sich mehr, als ständig Kurzmieter zu suchen.

Noch gibt es alteingesessene Geschäfte wie eine 1880 gegründete Zoofachhandlung, geführt in fünfter Generation. Doch Jahr für Jahr werden die Kunden weniger: "Früher war hier jedes Geschäft besetzt", sagt die Betreiberin, "es verschlechtert sich zusehends." Die Mieten steigen immer weiter. "Man muss inzwischen darüber nachdenken, ob es noch Sinn macht, hierzubleiben", erzählt eine Friseurin.

Solarium und Kartenleger

Wünschenswert wäre mehr Gastronomie, meint Malyar. Rund um die Markthalle hat sich zwar eine kleine, belebte Cafépiazza etabliert. Doch in der Straße selbst stechen Nagelstudios, ein Solarium oder ein Etablissement für Traumdeutung und Kartenlegen hervor.

Hin und wieder hält ein Touristenbus, dessen Insassen kurz ins Schubertmuseum verschwinden. Meist steigen sie schnell wieder ein, kein Grün, keine Bänke laden zum Verweilen ein. Die Touristen können nicht ahnen, dass sich hinter der Häuserwand gegenüber eine urbane Oase mit Pariser Charme verbirgt. Der Sobieskiplatz mit Platanen und einem Brunnen ist der ganze Stolz des Grätzels. Vor einigen Jahren wurde er mit Belebungsprojekten aufgewertet.

Seit einigen Tagen hallt auch ein lautes "Nein!" durch das Viertel. Anrainer und Gewerbetreibende wehren sich gegen die Eröffnung einer Drogenberatungsstelle - der Standard berichtete. Wo man noch vor kurzem Blumen erstand, werden bald Spritzen eingetauscht. Mit Plakaten und Unterschriften wird dagegen mobilgemacht. Es sei nicht ihr erster "Shitstorm", heißt es in der Bezirksvorstehung. Als das Asylwerberheim an der Ecke Sechsschimmelgasse eröffnet wurde, habe es mehr Protest gegeben.

Neue Startups

"Dass der Bezirk so verkommt, liegt nicht an Suchtkranken. Automatenlokale und Billigläden vermiesen das städtische Flair", schimpft ein Anrainer. Fehlt es der Nußdorfer Straße an Offenheit für Neues? Geschäftsräume für Startups könnten ein Rettungsanker werden. So ein Lichtblick ist die Anzugmaßschneiderei Buttondown. Vor drei Jahren hat sich das junge Unternehmertrio niedergelassen: "Wir haben hier auf eine Klientel getroffen, die zu uns passt - und wir zu ihnen." (Anja Melzer, DER STANDARD, 23.10.2014)

  • Geschlossene Lokale säumen die Nußdorfer Straße in Wien-Alsergrund. Geschäftsleute beklagen steigende Mieten, die Bezirkspolitik vermisst Engagement von Hausbesitzern.
    foto: anja melzer

    Geschlossene Lokale säumen die Nußdorfer Straße in Wien-Alsergrund. Geschäftsleute beklagen steigende Mieten, die Bezirkspolitik vermisst Engagement von Hausbesitzern.

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