"Ausbeutung in Familie wird ausgeklammert"

Interview23. Oktober 2014, 13:49
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Kinderarbeitsexperte Lars Johansen über das problematische Kapitel in Boliviens Kinderschutzgesetz

STANDARD: Auf der einen Seite wird die Regierung Boliviens für ihre Anstrengung gegen Kinderarbeit gelobt, auf der anderen Seite für das neue Gesetz kritisiert. Überlagert das neue Gesetz die vorherigen Bemühungen so stark?

Johansen: Ja und nein. Prinzipiell ist das neue Gesetz zum Schutz von Kindern und Erwachsenen gut. Es geht um ein Kapitel, das Probleme bereitet. Dass Kinder nun ab zehn Jahren unter speziellen Umständen arbeiten dürfen, macht etwas akzeptabel, das es zuvor nicht war. Es ist eindeutig ein Rückschritt im Kampf gegen Kinderarbeit.

STANDARD: Durch das neue Gesetz bricht Bolivien die ILO-Konvention 138, die das Mindestarbeitsalter bei 14 Jahren definiert. Gibt es eine Möglichkeit, gegen Bolivien vorzugehen?

Johansen: Boliviens Verfassung sagt, dass internationale Konventionen über nationalem Recht stehen. Die ILO kann Mitgliedsstaaten nicht verklagen, aber es gibt ein Expertenkomitee, das sich mit dem Fall befasst und zwischen November und Dezember einen Bericht veröffentlichen wird.

STANDARD: Welche Auswirkungen hat dieser Bericht schlussendlich?

Johansen: Er wird Fragen aufwerfen. Kinderrechte sind fundamentale Menschenrechte und müssen von den ILO-Mitgliedsstaaten respektiert werden. Wir befinden uns in Dialog mit der bolivianischen Regierung, versuchen aber das Thema vorsichtig anzugehen.

STANDARD: Gibt es Hinweise darauf, dass Bolivien seine Position ändern wird?

Johansen: Die Intention hinter dem Gesetz ist gut. Die Vertreter der Arbeiterkinder fordern einen Weg aus der Ausbeutung und eine Möglichkeit, etwas zum Familienbudget beizutragen. Das Problem mit dem Gesetz ist aber, dass dadurch quasi per Definition Ausbeutung innerhalb der Familie ausgeklammert wird. Das widerspricht unseren Erfahrungen. Etwa in der Landwirtschaft wird schwere Arbeit nicht leichter, nur weil der Vater der Arbeitgeber ist.

STANDARD: Die Kinder argumentieren, dass sie durch ihre Arbeit ihre Schulausbildung finanzieren können.

Johansen: Die ILO kriminalisiert arbeitende Kinder nicht. Ab zwölf Jahren ist es laut Konvention legal, mit adäquater Überwachung, leichte Arbeiten auszuführen. Bei dem Thema geht es aber nicht nur um Kinderrechte, sondern auch um Entwicklung. Untersuchungen zeigen, dass arbeitende Kinder sich nicht aus der Armut rausholen, sondern vielmehr in dem Kreislauf stecken bleiben.

STANDARD: Das heißt, Bolivien müsste das Mindestalter nur auf zwölf Jahre heben?

Johansen: Die Antwort überlasse ich der Expertenkommission, aber das Parlament müsste vor allem das Mindestalter von zehn Jahren und die erlaubten Aktivitäten, die von der ILO als gefährlich eingestuft werden, entfernen. Das betrifft zum Beispiel Arbeiten in der Landwirtschaft. (Bianca Blei, DER STANDARD, 23.10.2014)

Lars Johansen ist ein norwegischer Sozialanthropologe und seit 1995 bei der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) tätig.

  • Ein 13-Jähriger putzt auf den Straßen von La Paz die Schuhe der Passanten.
    foto: ap photo/juan karita

    Ein 13-Jähriger putzt auf den Straßen von La Paz die Schuhe der Passanten.

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