Renaissance alter Antibiotika

22. Oktober 2014, 15:35
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Im Kampf gegen multiresistente Keime könnten alte Antibiotika wieder hocheffizient sein, meinen Infektiologen auf einer Tagung in Wien

Alte Antibiotika, deren Patente oft längst abgelaufen sind und die wegen ehemals vorhandener Resistenz bei Bakterien oder wegen komplizierter Anwendungsmodalitäten außer Gebrauch gekommen sind, werden wieder wichtiger. Sie können Hilfe bei neu aufgetretenen Resistenzen bieten, hieß es bei einer Wissenschaftertagung in Wien.

An der Konferenz der "Europäischen Gesellschaft für Klinische Mikrobiologie und Infektiologie" (ESCMID) nehmen rund 300 Experten aus 45 Ländern teil. "Wir diskutieren, wie wir alte Antibiotika wirksam einsetzen können und wie sie einen Pfeiler der Strategie zur Bekämpfung von Antibiotikaresistenz darstellen können", sagte die Wiener Expertin Ursula Theuretzbacher.

In den vergangenen Jahren hätte man erkannt, dass es einerseits darum gehe, die Einsetzbarkeit moderner Antibiotika zu verlängern, gleichermaßen aber auch darum, dass man alte derartige Medikamente nicht "vergesse".

Seit an der Wende zum 20. Jahrhundert mit Salvarsan das erste antibiotisch wirksame Arzneimittel gegen Syphilis auf den Markt gekommen ist, wurden viele Dutzend Antibiotika entwickelt, auf den Markt gebracht, aus unterschiedlichen Gründen wieder ad acta gelegt.

Alt aber wirksam

Dominique Monnet vom Europäischen Zentrum für Krankheitskontrolle (ECDC) betonte den Wert der alten Substanzen: "Vergessene Antibiotika sind beispielsweise Wirkstoffe wie Temocillin, Fosfomycin, Colistin oder Oxacillin."

Durch zu häufigen Einsatz von Antibiotika, falsche Dosierung bzw. zu kurze Behandlungsdauer sowie durch den Umstand, dass es in den Spitälern immer mehr immunsupprimierte und hoch betagte Patienten gibt, ist die Rate der resistenten Keime wie etwa Methicillin-Resistenz von Staphylococcus aureus, Klebsiella pneumoniae oder E. coli-Keime international und im Querschnitt betrachtet im Steigen begriffen.

Auch die bisher wirksamsten Mittel neuerer Generation gegen gewisse Bakterien - zum Beispiel die "Peneme" - können da an Effektivität verlieren.

In den vergangenen Jahren wurden neue Wirkstoffklassen bei den Medikamenten zur Behandlung bakterieller Infektionen kaum entwickelt.

"Ein Problem liegt darin, dass die meisten Antibiotika einer Klasse jeweils an den gleichen Zielen ansetzen. Es sind 'Ich-auch'-Medikamente", betonte der Pharmakologe Johan Mouton von der Universität Nijmegen/Niederlande. Somit stehen gar nicht so viele "neue" Antibiotika zur Verfügung, wie man meinen könnte.

Eine besondere Lücke hat sich bei den sogenannten Gram-negativen Keimen aufgetan, deren Bekämpfung wegen Resistenzen und mangelnden Arzneimitteln zunehmend Probleme macht. Umso mehr sollte auf die alten Substanzen nicht verzichtet werden.

Kraft von Kombinationen

Diese Wirkstoffe werden jetzt auch mit neuen Antibiotika in der Therapie kombiniert, um Resistenzen zu überwinden. Es gibt aber für deren Einsatz auch praktische Probleme. Die Uralt-Medikamente haben längst ihren Patentschutz verloren, oft wurden sie deshalb in einzelnen Ländern vom Markt genommen.

Auch die Erhältlichkeit muss nicht immer gegeben sein. Hier fehlt es auch in der EU noch an Vorkehrungen, um die Versorgung in jedem Staat sicherzustellen. Doch wenn Ärzte die Antibiotika vergangener Jahrzehnte nicht mehr kennen, werden sie diese auch nicht einsetzen. (APA, derStandard.at, 22.10.2014)

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