In Ketten gelegte Verletzlichkeit

22. Oktober 2014, 17:33
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Unspekulative Einblicke in ein "Sklaven"-Leben: "Der Unfertige" von Jan Soldat

Ein älterer Mann sitzt auf einem Bett. Er trägt nichts am Leib außer fünf schwarzen Lederbändern, die an seinem Hals, seinen Hand- und seinen Fußgelenken angebracht sind. An den Bändern sind Metallösen, daran sind Ketten befestigt, die die Bewegungsfreiheit des Mannes einschränken und klirren, sobald er die Position seiner Arme und Beine verändert. Aus dem Off hört man die Stimme des Filmemachers Jan Soldat: "Könntest Du Dich vorstellen?" Der Mann antwortet: "Also. ODW-Gay. Oder Gollum. Oder Klaus. 60 Jahre alt, schwul, Sklave." Die Abkürzung ODW steht für Odenwald, eine ländliche Region in Westdeutschland, und die Selbstbezeichnung Gollum (nach der Herr-der-Ringe-Figur) hat vermutlich damit zu tun, dass die Ohren und die rechte Schulter von Klaus ein wenig deformiert sind.

Jan Soldat filmt die Szene in einer nüchternen Halbtotalen, außer Klaus sieht man das Bett mit der Tagesdecke, eine graue Wand und zwei Bilder. Die Nüchternheit ist Teil des Reizes von Der Unfertige, einem mittellangen Dokumentarfilm. Oft sitzt oder liegt Klaus in der eben beschriebenen Anordnung auf dem Bett und erzählt aus seinem Leben, davon zum Beispiel, wie er als selbstständiger Steuerberater nicht genug Kunden hatte, oder davon, wie sein Großvater sich einen Spaß daraus machte, seine Enkelkinder in Reih und Glied aufzustellen, bevor er sie mit einem Schlauch und kaltem Wasser abspritzte.

Zwischen diese Erinnerungen und Reflexionen sind Szenen montiert, in denen Klaus duscht, sich den Kopf rasiert oder Maultaschen kocht und isst. Etwas später sieht man, wie er nackt die Wohnung eines Bekannten putzt. Nachdem er alles gesäubert hat, bekommt der andere einen Blowjob, und zwischendurch sitzen die beiden auf dem Sofa und plaudern. Noch ein wenig später besucht Klaus eine Art Ferienlager, in dem er seine Rolle als Sklave ausleben kann. Einmal liegt er auf einer Pritsche, an Händen und Füßen gefesselt, der Kopf steckt unter einer Kapuze, seine Bauchdecke hebt und senkt sich mit seinem Atem in ganz ruhigen, regelmäßigen Abständen. Ein friedliches Bild.

"Aha, der ist so"

Der Unfertige zeigt kein Anzeichen von Sensationalisierung oder Befremden. "Das, was ich suche", sagt Klaus gegen Ende des Films, "ist Verständnis. Ein Verstehen: Aha, der ist so." Jan Soldat bringt ihm dieses Verständnis entgegen, gestattet uns Einblicke in Klaus' Intimität und Verletzlichkeit, und das ist, so unspektakulär es daherkommt, etwas Kostbares.

Ohne dass allzu viel Aufhebens darum gemacht würde, scheint manchmal eine Art Erkenntnis auf: Die Annahme der submissiven Rolle, der Umgang mit den Fesseln und Ketten, können Mittel sein, die eigene Verletzlichkeit anzuerkennen und damit zu leben. Und nicht zuletzt hilft Der Unfertige auch nachzuvollziehen, wie vielgestaltig Sexualität ist und wie wenig es einem zusteht, über die Sexualität der anderen zu urteilen. (Cristina Nord, DER STANDARD, 23.10.2014)

24. 10., Stadtkino im Künstlerhaus, 18.30; 26. 10., Urania, 23.00

  • Klaus, "60 Jahre alt, schwul, Sklave" gibt Auskunft.
    foto: viennale

    Klaus, "60 Jahre alt, schwul, Sklave" gibt Auskunft.


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